Im Sucher der Leica: Frankfurt in den Zwanzigerjahren

Zebras im Schnee entführt ins Frankfurt der 1920er Jahre. Im Mittelpunkt stehen zwei fiktive Künstlerinnen: die leidenschaftliche Fotografin Ella Burmeister und ihre Freundin, die Malerin Franziska Goldblum. Beide gehören zum avantgardistischen Kreis um das legendäre Stadtplanungsprogramm „Neues Frankfurt“ und so kreuzen sich ihre Wege mit realen Persönlichkeiten wie der Fotografin Ilse Bing, dem Fotografen Paul Wolff und dem Komponisten Paul Hindemith.

Das „Neue Frankfurt“ war weit mehr als ein Bauprogramm: Ab 1925 ließ Stadtbaurat Ernst May innerhalb von nur fünf Jahren über 12.000 Wohnungen errichten – hell, funktional und von Grünflächen umgeben. Dazu gehörte auch die berühmte „Frankfurter Küche“, die weltweit erste Einbauküche, entworfen von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Frankfurt wurde zum Zentrum einer Avantgarde, die nicht nur bauen, sondern die Lebenswelt des modernen Menschen gestalten wollte. 2025 wird das hundertjährige Jubiläum dieses einzigartigen Projekts gefeiert. Florian Wackers Roman erscheint wie bestellt zum Auftakt.

Die zweite Zeitebene spielt in den 1990er Jahren: Franziskas Sohn Richard Kugelman, Kunsthistoriker in New York, reist zum Jubiläum von „Neues Frankfurt“ in die Stadt am Main. Mit detektivischem Spürsinn sucht er nach Antworten. Wer war diese Ella Burmeister wirklich, deren Fotografie er in Händen hält? Warum schwieg seine Mutter ihr Leben lang über sie – und über diese aufregende Zeit in Frankfurt? Und warum hat Franziska nach der Emigration in die USA 1933 nie wieder gemalt?

Florian Wacker verwebt beide Zeitebenen und erzählt von Freundschaft, Liebe und dem Zauber eines Neuanfangs. Es entsteht ein vielschichtiges Portrait der Figuren und der Stadt im Wandel. Die Zwanzigerjahre werden fast greifbar: das leise Knirschen der Kameralinse, das Brodeln in den Künstlercafés, aber auch die bedrohlichen Aktionen rechtsradikaler Kräfte. Die FAZ lobte, Wacker beschwöre „die Atmosphäre der Zwanzigerjahre mit ihren neuen gesellschaftlichen Freiheiten und Spannungen gekonnt herauf.

Besonders berührend ist die Beziehung, die Fotografin Ella Burmeister zu ihrer Leica pflegt: Die Kamera wird zur Vertrauten und zum Ausdrucksmittel ihrer künstlerischen Seele. Eine Hommage an die reale „Königin der Leica“, Ilse Bing. Sie dokumentierte Ende der 1920er Jahre die Projekte des Neuen Bauens in Frankfurt mit genau dieser Kamera und schwärmte:  „Ich fühlte, wie diese kleine Kamera eine Verlängerung meines Auges wurde“.

Der Autor

Florian Wacker, Jahrgang 1980, blickt auf eine vielseitige berufliche Laufbahn zurück: Nach einer Ausbildung zum Heilerziehungspfleger und einem Studium der Heilpädagogik arbeitete er in der Behindertenhilfe, der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie in der Jugendhilfe. Zwischen 2010 und 2014 absolvierte er ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Seither hat er zahlreiche Romane und Erzählungen veröffentlicht. Er erhielt mehrere Preise, den Robert-Gernhardt-Preis. Florian Wacker lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. „Zebras im Schnee“ stand 2024 im Mittelpunkt des Lesefests „Frankfurt liest ein Buch“. Mehr über den Autor unter  Florian Wacker.

Zebras im Schnee von Florian Wacker

Zebras im Schnee
Von Florian Wacker. Roman.
381 Seiten. Berlin Verlag, Berlin/München. 2024