Eine Region als Labor: World Design Capital 2026

Collective Paper Aesthetics (c) Ben Kuhlmann - WDC
Collective Paper Aesthetics laden zum Mitmachen ein. Foto: (c) Ben Kuhlmann

Seit dem 16. Januar ist es offiziell: Die Region Frankfurt Rhein-Main trägt den Titel World Design Capital 2026. Verliehen von der World Design Organization, einer nichtstaatlichen Organisation mit Sitz im kanadischen Montreal, an Städte und Regionen, die Gestaltung als Instrument gesellschaftlicher Entwicklung begreifen. Von Seoul über Kapstadt bis Mexico City – Metropolen in aller Welt durften sich bereits so nennen. Jetzt, zum ersten Mal, eine deutsche Region. Und zwar nicht Frankfurt allein, sondern die gesamte Rhein-Main-Region. Das ist ein Unterschied. Denn es geht nicht um eine einzelne Stadt, die sich feiert. Es geht um einen Raum, in dem Handel und Kultur seit jeher eng beieinander liegen, in dem Weltläufigkeit und eine gewisse bodenständige Pragmatik näher zusammenwohnen als anderswo in Deutschland. Die Eröffnung fand bezeichnenderweise nicht in Frankfurt, sondern in der Darmstädter Centralstation statt, dort, wo die Werkbundakademie die Bewerbung bereits 2014 angestoßen hatte.

Zwölf Monate Experimentierfeld

Die World Design Capital ist kein Preis, der im Regal steht. Sie ist ein Programmjahr: Rund 450 Projekte, mehr als 2000 Veranstaltungen, Ausstellungen, Diskurse und Interventionen stehen unter einem gemeinsamen Leitgedanken: Design for Democracy. Atmospheres for a better life. Gestaltung wird hier als Praxis verstanden, die Lebensbedingungen formt, demokratische Teilhabe ermöglicht und gesellschaftlichen Wandel anstößt. Matthias Wagner, Direktor des Museum Angewandte Kunst und Kopf hinter der Bewerbung, hat dieses Motto formuliert, und es ist mehr als ein Slogan. Es ist eine bewusste Anspielung auf Frankfurt als Wiege der deutschen Demokratie.

Gestaltung im Zeichen der Gegenwart

Ökologische Krisen sind längst Teil des Alltags. Hitzeperioden, versiegelte Flächen, Ressourcenverbrauch, Energiefragen, all das begegnet uns beim Spaziergang am Mainufer ebenso wie auf dem Weg durch die aufgeheizten Innenstädte. Vor diesem Hintergrund erscheint Design nicht als reine Formgebung, sondern als Werkzeug. Wie bauen wir? Wie bewegen wir uns? Wie organisieren wir Produktion und Konsum? Wie gestalten wir öffentliche Räume, damit sie kühl genug bleiben, grün genug, zugänglich genug? Das Frankfurter Designstudio OMC°C etwa entwickelt mit seinem Projekt „Schattengrün“ modulare Systeme zur Begrünung urbaner Räume, mitten in Frankfurt-Bornheim, in einer alten Werkhalle im Hinterhof. In Wiesbaden entsteht an mehreren Sonntagen Hessens erster „Superblock“ nach Barceloner Vorbild, bei dem sich eine Straße vorübergehend in eine Begegnungszone verwandelt. Am Frankfurter Mainufer wird unter dem Titel „Main-Light“ eine autarke, klimaneutrale Beleuchtung für einen Fahrradweg installiert. Und in Offenbach wird die frühere Kaufhof-Filiale zu einem offenen Treffpunkt mit Bibliothek umgebaut  als Teil einer neu gedachten Stadtmitte. Das sind keine Utopien auf Papier. Das sind konkrete Projekte, die in den nächsten Monaten in den Stadtraum eingreifen.

Ein Museum als Mittelpunkt

Zentraler Ort der Aktivitäten ist das Museum Angewandte Kunst am Frankfurter Museumsufer. Es fungiert seit dem 24. Januar als sogenannter WDC-Hub, frei zugänglich, ohne Anmeldung, ohne Eintritt. Von hier aus verzweigen sich Veranstaltungen in die gesamte Region. Das Ausstellungsprogramm des Hauses ist nahezu vollständig auf die WDC-Themen ausgerichtet: Von „Wolle. Seide. Widerstand.“ über eine Ausstellung zu KI-generierten Weltmodellen bis zu „Positions on Freedom. Gestaltung und ihre Grenzen“. Alles kreist um die Frage, was Gestaltung vermag und wo sie an Grenzen stößt.

Im Juni folgt die Open Design Week, zehn Tage voller Installationen, Workshops und Gespräche. Im August das interdisziplinäre Festival „Module“ an der Schnittstelle von Musik, Design und gesellschaftlichen Fragen. Und ein Ausstellungsschiff namens „Floating Space“ wird  über den Main gleiten, das das Wasser als gestalteten Raum begreift.

Auftakt einer Serie

Immer dann, wenn ich Veranstaltungen, Ausstellungen oder Orte im Rahmen der World Design Capital besuche, entsteht ein neuer Beitrag – als Beobachtung, Annäherung oder kritische Nachfrage. Mich interessiert dabei besonders, wie konkret ökologische Fragen behandelt werden und Nachhaltigkeit praktisch erfahrbar wird, welche Atmosphären entstehen und was dieses Programm über unsere Gegenwart und Zukunft erzählt.

Gut zu wissen

Das vollständige Programm mit Kalender und Projektübersicht findet sich unter wdc2026.org.
Das Museum Angewandte Kunst informiert über sein Ausstellungsprogramm unter museumangewandtekunst.de.

Beitragsfoto: (c) Ben Kuhlmann. Eindrücke des Openings des WDC Hub im Museum Angewandte Kunst am 24.01.2026. Die Collective Paper Aesthetics laden zum Mitmachen ein.