Eine Geschichte vom Wegsehen: Wasser

Irische Küste. Foto: Raul Kozenewski (pexels)

Zur Einstimmung auf eine geplante Irlandreise fiel die Wahl auf irische Gegenwartsliteratur jenseits der großen Klassiker. Eine Feuilletonrezension führte zu einer Romanserie des irischen Autors John Boyne, die aus vier kurzen Romanen besteht, die jeweils einem der Elemente Wasser, Feuer, Erde und Luft gewidmet sind. Der Auftaktband „Wasser“ weckt mit seinem Konzept sofort Neugier.

Im Zentrum steht eine Frau Mitte fünfzig, die ihr bisheriges Leben abrupt hinter sich lässt. Mit wenigen Habseligkeiten erreicht sie eine abgelegene irische Insel, nimmt einen neuen Namen an und verändert ihr Aussehen, um unerkannt zu bleiben. Wer ist sie und wovor flieht sie? Eine persönliche Krise, ein Skandal, Schuld? In der kargen Landschaft zwischen tosenden Wellen und ihrer einsamen Hütte sucht sie nach Orientierung und einem Neuanfang. Doch die Vergangenheit drängt sich immer wieder auf: Sie erinnert sich an ihren Mann und ihre beiden Töchter und quält sich mit der Frage nach ihrer Verantwortung.

Boyne legt die Hintergründe der Geschichte nur nach und nach offen. Leerstellen, Andeutungen und Zurückhaltung prägen den Erzählton und erzeugen eine Spannung, die bis zum Schluss anhält. Das Element Wasser ist dabei mehr als nur Kulisse. Es schwankt zwischen Bedrohung und Trost und eröffnet zugleich die Aussicht auf Reinigung und Neubeginn.

Ein Satz der Erzählerin – „Ich nahm das so hin, stellte keine weiteren Fragen“ – verweist auf das Kernmotiv des Romans: das Wegsehen, das stille Mittragen von Unrecht zulasten anderer. Wie lange kann ein Mensch ahnen, ohne zu handeln? Diese Frage verleiht der Geschichte moralische Tiefe und macht die Figur zugleich schwer erträglich und nachvollziehbar.

„Wasser“ ist ein ruhiger, eindringlicher Roman über Mitschuld und Verdrängung, der psychologisch präzise und spannungsvoll erzählt wird. Er ist eine Empfehlung für Leserinnen und Leser, die sich auf komplexe Lebensgeschichten einlassen und Ambivalenz aushalten können, ohne vorschnelle Urteile zu fällen.

Der Autor

John Boyne wurde am 30. April 1971 in Dublin geboren. Er studierte Englische Literatur am Trinity College Dublin und Kreatives Schreiben an der University of East Anglia in Norwich. Bislang hat er 24 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht. Internationale Bekanntheit erlangte er mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ (2006), der in 57 Sprachen übersetzt wurde und sich über neun Millionen Mal verkaufte. 2015 erhielt er den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für das Jugendbuch „So fern wie nah“. Sein aktuelles Projekt ist das Quartett „Die Elemente“ – vier Romane über Schuld, Verdrängung und moralische Verantwortung, die jeweils mit einem der vier Elemente verknüpft sind: Wasser, Erde, Feuer und Luft. John Boyne lebt in Dublin.

Die Sprecherin

Ute Piasetzki verfügt über rund 15 Jahre Erfahrung im NRW-Privatfunk und arbeitet seit 1997 freiberuflich als Sprecherin und Moderatorin. Mit ihrer markanten Alt-Stimme hat sie sich insbesondere auf Krimis und Spannungsromane spezialisiert, darunter die Psychothriller von Susanna Beard. Ihre Lesungen zeichnen sich durch Klarheit, Zurückhaltung und ein natürliches Erzähltempo aus. Spannung entsteht weniger durch Effekte als durch präzises Timing und feine stimmliche Nuancen – eindringlich und authentisch.

John Boyne - Wasser. Piper Verlag, München

Wasser (Die Elemente, Band 1)
von John Boyne. Roman.
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
144 Seiten. Pieper Verlag, München. 2025

John Boyne: Wasser. Hörbuch. Audio-Verlag. München

Hörbuch
Wasser (Die Elemente, Band 1). von John Boyne.
Gelesen von Ute Piasetzki
4 Stunden, 10 Minuten. Audio Verlag, München. 2025

Titelbild: Irische Küste. Foto: Raul Kozenewski (pexels)
Buchumschlag: Piper Verlag, Hörbuchabbildung: Audio Verlag