Eine Irlandreise steht bevor. Zeit also, sich mit der irischen Literatur auseinanderzusetzen! James Joyces „Ulysses”? Dafür ist er mir zu sperrig. Durch das Feuilleton der Lieblingszeitung bin ich auf eine Romanreihe des irischen Autors John Boyne aufmerksam geworden. Jeder Band dieser Reihe ist einem der vier Elemente Wasser, Feuer, Erde und Luft gewidmet. Eine ungewöhnliche Konstruktion. Ich beginne mit dem ersten Band: „Wasser”.
Im Zentrum des Romans steht eine Frau Mitte fünfzig. Mit wenigen Habseligkeiten erreicht sie eine abgelegene Insel vor der Westküste Irlands, nimmt einen neuen Namen an und verändert ihr Aussehen, um unerkannt zu bleiben. Wer ist sie und wovor flieht sie? Eine persönliche Krise, eine Bedrohung oder ein Skandal? In der kargen Landschaft zwischen haushohen Wellen und ihrer einsamen Hütte sucht diese Frau nach Orientierung und einem Neuanfang. Doch die Vergangenheit drängt sich immer dazwischen. Erinnerungen an ihren Mann und ihre beiden Töchter lassen sie nicht los.
Allmählich wird klar, dass sich der Roman mit dem sexuellen Missbrauch eines Kindes durch den Vater befasst. Die Mutter ahnt, dass etwas nicht stimmt, will es jedoch nicht wahrhaben. Ihr Schweigen, ihr Wegsehen, ihr Zögern: All das wird Teil des Geschehens – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überforderung und Angst vor den Konsequenzen. Boyne legt diese Zusammenhänge nur nach und nach offen. Leerstellen und Andeutungen prägen den Ton und erzeugen eine Spannung, die bis zum Schluss anhält.
Dabei ist das Element Wasser sein Leitmotiv: Es steht für Bedrohung und Trost zugleich und trägt die leise Hoffnung auf Reinigung und Neubeginn. Der Satz der Erzählerin „Ich nahm das so hin, stellte keine weiteren Fragen“ führt direkt zum Kern des Romans: dem Wegsehen und dem stillen Mittragen von Unrecht zulasten anderer. Wie lange kann ein Mensch ahnen, ohne zu handeln? Diese Frage macht die Figur schwer erträglich und zugleich nachvollziehbar.
„Wasser“ ist ein ruhiger, eindringlicher Roman über Schuld, Mitschuld und Verdrängung, der psychologisch präzise und spannungsvoll erzählt ist. Er richtet sich an Leserinnen und Leser, die komplexe Lebensgeschichten mögen und Ambivalenz aushalten können.
Nicht zuletzt lenkt der Roman den Blick auf Irlands Westküste und Orte wie Galway und die Aran-Inseln. Landschaft und Geschichte bilden den Rahmen der Erzählung.
Der Autor
John Boyne wurde 1971 in Dublin geboren. Er studierte Englische Literatur am Trinity College Dublin sowie Kreatives Schreiben an der University of East Anglia in Norwich. Boyne hat bislang 24 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht. Internationale Bekanntheit erlangte er mit dem Roman Der Junge im gestreiften Pyjama (2006), der in 57 Sprachen übersetzt und weltweit millionenfach gelesen wurde. Wasser ist der Auftakt seines aktuellen Romanquartetts Die Elemente, in dem Boyne Fragen von Schuld, Verdrängung und moralischer Verantwortung auslotet. Er lebt in Dublin.
Die Sprecherin
Ute Piasetzki verfügt über langjährige Erfahrung im NRW-Privatfunk und arbeitet seit 1997 freiberuflich als Sprecherin und Moderatorin. In der Hörbuchfassung von Wasser liest sie ruhig und konzentriert, mit Klarheit und einem natürlichen Erzähltempo. Ihre Stimme drängt sich nicht in den Vordergrund; sie trägt die Geschichte mit feinen Nuancen vor, fast so, als würde eine Freundin sie am Küchentisch erzählen.

Wasser (Die Elemente, Band 1)
von John Boyne. Roman.
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
144 Seiten. Piper Verlag, München. 2025

Hörbuch
Wasser (Die Elemente, Band 1). von John Boyne.
Gelesen von Ute Piasetzki
4 Stunden, 10 Minuten. Audio Verlag, München. 2025
Titelbild: Irische Küste. Foto: Raul Kozenewski (pexels)
Buchumschlag: Piper Verlag, Hörbuchabbildung: Audio Verlag