Manchmal braucht es nicht mehr als ein Blatt, um Weltliteratur zu erklären. In seinem schmalen, aber gewichtigen Essay „Goethe und der Ginkgo“ nimmt uns der legendäre Verleger Siegfried Unseld mit in den September 1815, die Zeit des „West-östlichen Divans“. Es ist eine Phase voller Sehnsucht und einer ganz besonderen Begegnung: der zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Marianne von Willemer.
Unseld spannt den Bogen meisterhaft: Er beginnt bei der botanischen Besonderheit des Ginkgo-Baums, jenem „lebenden Fossil“, das weder Nadel- noch Laubbaum ist, und gelangt so mitten ins Herz der Weimarer Klassik. Im Zentrum steht das berühmte Gedicht „Gingo biloba“, dessen fächerförmiges Blatt für Goethe zum ultimativen Symbol wurde.
Dass dieses Büchlein mit über 100.000 verkauften Exemplaren zum modernen Klassiker wurde, liegt an Unselds Ton. Er schreibt nicht als trockener Germanist, sondern als empathischer Erzähler. Er deutet die gespaltene Form des Blattes als Schlüssel zu Goethes Lebensgefühl: die Spannung zwischen Einheit und Zweiheit, zwischen der Einsamkeit des Künstlers und der Verschmelzung in der Liebe.
Wer Unselds Essay zuschlägt, findet nur wenige Kilometer von Frankfurt entfernt den perfekten Ort, um das Gelesene nachzuspüren. Im Regionalpark Rhein-Main, auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel der Weilbacher Kiesgruben, steht ein Bauwerk, das wie eine begehbare Anthologie wirkt: das Haus des Dichters. Direkt am Gebäude befindet sich ein kleiner Ginkgo-Hain.

Goethe und der Ginkgo
von Siegfried Unseld. Essay.
105 Seiten. Insel-Bücherei Nr. 1188. Insel Verlag, Frankfurt am Main. 1998
(erhältlich in Antiquariaten)
Ginkgo biloba
Dieses Baumes Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.
Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?
Solche Fragen zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn.
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich eins und doppelt bin ?
Johann Wolfgang von Goethe 1815
(1749 – 1832)