Was bleibt, wenn ein Tier verschwindet? Die Stellersche Seekuh

Stellersche Seekuh. Illustration: KI
So könnte sie ausgesehen haben, die Stellersche Seekuh. Illustration: KI, Prompt Ulla Blohberger

Haben Sie schon einmal von der Stellerschen Seekuh gehört? Bis vor kurzem war dieses gewaltige Meeressäugetier selbst unter Naturinteressierten kaum bekannt. Das änderte sich mit Iida Turpeinens Roman Das Wesen des Lebens, der als „Wissensbuch des Jahres 2025“ nominiert wurde. Die finnische Autorin erzählt darin die tragische Geschichte einer Spezies, die 1741 entdeckt und nur 27 Jahre später bereits unwiederbringlich ausgerottet war.

Eine Expedition am Rande des Wahnsinns

Der Roman nimmt seinen Ausgang beim Skelett einer Seekuh im Naturhistorischen Museum in Helsinki und springt von dort zurück ins 18. Jahrhundert. Wir begleiten die Große Nordische Expedition unter Vitus Bering. Mit an Bord ist der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller – ein Mann, den man heute als besessen bezeichnen würde.

Die Schilderung des Schiffbruchs vor der später nach Bering benannten Insel bildet das erzählerische Zentrum. Inmitten von Hunger und Skorbut entdeckt Steller im flachen Wasser ein Wesen, so groß wie ein Wal und sanft wie eine Kuh. Es ist eine Entdeckung von wissenschaftlicher Tragweite, doch für die schiffbrüchige Crew bedeutet das wehrlose Tier zunächst schlicht das Überleben.

Das Seziermesser der Wissenschaft

Turpeinen schreibt mit einer faszinierenden Grausamkeit über den Forscherdrang. Steller will seinen Namen in der Naturgeschichte verewigen und lässt weitere Tiere jagen. Die Szene, in der ein Jungtier seiner toten Mutter bis ins seichte Wasser folgt, ist schwer zu ertragen. Hier zeigt Turpeinen die moralische Ambivalenz der Aufklärung:

Das Werkzeug eines Naturforschers ist keine vage Idee oder Empfindung, sondern ein scharfes Messer und ein unbeirrbarer Schnitt, ein unerschrockener Blick in die feuchten Eingeweide.

Ein kunstvolles Geflecht aus Epochen

Der Roman ist weit mehr als eine bloße Abenteuergeschichte. Turpeinen verwebt vier Zeitebenen:

  • Das 18. Jahrhundert: Die Entdeckung und die Gier der Expedition.

  • Die Kolonialzeit Alaskas: Der Zoologe Alexander von Nordmann und die Zeichnerin Hilda Olsson versuchen, die schwindenden Spuren der Art zu dokumentieren.

  • Die 1950er-Jahre: In Helsinki setzt der Restaurator John Grönvall das erste Skelett zusammen.

Durch die geschickte Mischung aus Tagebucheinträgen, wissenschaftlichen Listen und atmosphärischen Szenen erhält das Buch die Anmutung eines Forschungsberichts, ohne an erzählerischer Spannung einzubüßen.

Buch vs. Hörbuch: Zwei Wege zum Werk

Das ungekürzte Hörbuch, gelesen von Heike Warmuth, besticht durch eine sachliche Nüchternheit. Gerade diese Ruhe verstärkt die Eindringlichkeit der geschilderten Grausamkeiten. Beim anschließenden Lesen der Printausgabe offenbart sich jedoch erst die volle gestalterische Raffinesse: Die typografischen Details, die eingestreuten Koordinaten und Archivdokumente machen das Buch selbst zu einem haptischen Forschungsobjekt. Beides ergänzt sich hier auf seltene Weise ideal.

Fazit: Ein geschärfter Blick

Turpeinen beleuchtet große Themen: den rücksichtslosen Umgang mit der Natur, patriarchale Wissenschaftsstrukturen und die koloniale Gier. Sie wirft die schmerzhafte Frage auf, warum die Menschheit ihren Verbrechen an der Tierwelt so wenig Aufmerksamkeit schenkt.

Nach der Lektüre wird ein Museumsbesuch – etwa im Senckenberg-Museum in Frankfurt – zu einer anderen Erfahrung. Die Skelette wirken nicht mehr wie bloße Exponate, sondern wie die letzten Zeugen einst lebendiger Wesen. Das Wesen des Lebens ist keine leichte Kost, aber ein literarisch anspruchsvolles und zutiefst beeindruckendes Plädoyer für die Wahrnehmung dessen, was wir bereits verloren haben.

Die Autorin

Iida Turpeinen, geboren 1987, lebt in Helsinki und forscht derzeit an einer Dissertation zum Verhältnis von Naturwissenschaften und Literatur. Sie ist eine preisgekrönte Autorin von Kurzgeschichten und legt mit Das Wesen des Lebens ihren ersten Roman vor.

Iida Turpeinen. Das Wesen des Lebens. S. Fischer Verlag

Das Wesen des Lebens
von Iida Turpeinen. Roman.
Aus dem Finnischen von Maximilian Murmann.
305 Seiten. S. Fischer Verlag, Frankfurt. 2025

Gleichnamiges Hörbuch
Gelesen von Heike Warmuth
Laufzeit: 7 Stunden, 20 Minuten
Verlag Argon Digital

Sehenswert
Dreiminütiges Video von ZDF BuchZeit mit Fokus auf den Forscher und Entdecker der Stellerschen Seekuh Georg Wilhelm Steller.

Zum Beitragsbild
Die Illustration der Stellerschen Seekuh ist mit KI-Unterstützung entstanden.