Durch den Groß-Gerauer Stadtwald

Besonders im Herbst spricht der Stadtwald alle Sinne an. Farben verdichten sich, Geräusche werden leiser, Gerüche intensiver. Zwischen Moos und Baumstämmen leuchten Gelb-, Orange- und Rottöne, das Laub knistert unter den Schuhen, und mit etwas Glück kreuzt ein Reh oder ein Fuchs den Weg.

Schon im Jahr 910 taucht die Gerauer Mark in einer Urkunde auf – ein ausgedehntes Waldgebiet zwischen Groß-Gerau, Wallerstädten und Messel. Jahrhundertelang lebten die Menschen vom und mit dem Wald: Sie nutzten das Holz zum Bauen und Heizen, stellten Holzkohle für die Schmiede her und fütterten ihre Schweine mit Eicheln. Der Wald gehörte der Gemeinde und war fest in den Alltag eingebunden.

Ganz anders der benachbarte Mönchbruch: Die Landgrafen von Hessen-Darmstadt nutzten ihn für ihre aufwendigen Jagdvergnügen. Die Groß-Gerauer mussten dies mitfinanzieren, was bei der Bevölkerung alles andere als beliebt war. Die noch heute im Wald stehende „Lustsäule” erinnert an ein besonders prächtiges Lustlager aus dem Jahr 1782, als zwölf Tage lang fürstlich gefeiert wurde, während die Bürger die Zeche zahlten.

Mit der Industrialisierung veränderte sich vieles. Der Wald blieb zwar wichtig für die Holzwirtschaft, doch die Menschen entdeckten ihn zunehmend als Ort der Erholung. Es wurden Wege angelegt und Sonntagsspaziergänge wurden zur Tradition. Im 20. Jahrhundert kam der Naturschutzgedanke hinzu. Der Wald wurde nicht mehr nur als Nutzfläche betrachtet, sondern als Teil eines großen ökologischen Zusammenhangs, der wichtige Aufgaben für Klima, Wasser und Artenvielfalt erfüllt.

Heute ist der Wald bei Groß-Gerau weit mehr als ein schöner Ort zum Spazierengehen. Die Laub- und Mischwälder mit ihren Eichen, Buchen und Kiefern beherbergen zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Das Gebiet ist als FFH-Gebiet „Wald bei Groß-Gerau” Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 und gehört zum Vogelschutzgebiet „Mönchbruch und Wälder bei Mörfelden-Walldorf und Groß-Gerau”.

Als grüne Lunge sorgt der Wald für bessere Luft, mildert Temperaturen ab und hält Feuchtigkeit. Mehrere Brunnen des Wasserwerks Gerauer Land liegen im Waldgebiet – kein Zufall, denn der Wald speichert und filtert Grundwasser. Die Übergangsbereiche zum Mönchbruch mit seinen Feuchtwiesen und Bruchwäldern machen die Region artenreich und zu einem der wertvollsten Naturräume im Rhein-Main-Gebiet.

Was einst vor allem als Holzlieferant diente, verbindet heute Erholung, Naturschutz und nachhaltige Forstwirtschaft. Der Wald bei Groß-Gerau zeigt, wie sich unser Verhältnis zur Natur gewandelt hat – und dass dieses grüne Erbe einen sorgsamen Umgang verdient.

November