Kann man um die eigene Heimatlandschaft trauern? Der australische Philosoph Glenn Albrecht prägte dafür 2005 den Begriff Solastalgie. Gemeint ist das Gefühl von Unbehagen und Verlust, das entsteht, wenn vertraute Umgebungen durch Klimawandel und menschliche Eingriffe dauerhaft verändert werden.
Die Ausstellung Solastalgie nimmt dieses Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Natur zum Ausgangspunkt. Sie bringt historische Landschaftsmalerei mit zeitgenössischer Kunst in Dialog und entwickelt daraus mehr als eine klassische Ausstellung: eine vielschichtige Reflexion über Schönheit, Verlust und die Frage, wie wir künftig mit unserer Umwelt leben wollen. Drei Arbeiten haben meinen Blick auf die Ausstellung besonders geprägt.
Ein Wald zieht ins Museum ein
Im Erdgeschoss begegnet man einer ungewöhnlichen Konstellation: 26 Bäume stehen in großen, rechteckigen Kübeln zwischen Gemälden alter Meister. Sie sind keine statischen Exponate, sondern lebendige Akteure mit eigenen Bedürfnissen. Betreut werden sie von Menschen, die sich um ihr Wohlergehen kümmern.
Der Künstler Asad Raza hat hier ein System geschaffen, das Natur, Mensch und Kunst miteinander verbindet. Die ausgewählten Baumarten gelten als widerstandsfähig gegenüber den klimatischen Bedingungen der kommenden hundert Jahre. Nach Ende der Ausstellung werden sie auf dem Campus der Goethe-Universität ausgepflanzt.
Die historischen Gemälde zeigen, wie die regionalen Wälder vor rund zweihundert Jahren aussahen. Auch sie sind sensibel: Sie reagieren auf Licht und benötigen stabile klimatische Bedingungen. Zwischen lebender Natur und Kunstwerken bewegen sich die Besucherinnen und Besucher ebenso wie die Pflegenden der Bäume. Razas Arbeit versteht das Museum als „Mitwelt“ – als Raum gemeinsamer Existenz.
Der giftige See hinter unserem Smartphone
Ein Stockwerk höher wird der Blick deutlich härter. Die künstlerische Forschungsgruppe Unknown Fields richtet ihn auf die verborgenen Kosten unserer digitalen Lebensweise. Für ihre Arbeit reisten die Künstler in die Innere Mongolei, um den Abbau Seltener Erden zu dokumentieren – jener Rohstoffe, die für Smartphones, Laptops und Elektroautos unverzichtbar sind.
Die Bilder sind verstörend: ein rund zehn Kilometer großer See aus radioaktivem Schlamm, entstanden als Nebenprodukt des Rohstoffabbaus. Ein mit versteckter Kamera gedrehter Film verfolgt die globale Lieferkette rückwärts – vom Elektronikladen über Häfen, Fabriken und Containerschiffe bis an den Rand dieses toxischen Gewässers.
Aus dem belasteten Schlamm formten die Künstler Keramikvasen. Ihre Größe entspricht jeweils der Abfallmenge, die bei der Herstellung eines Smartphones, eines Laptops oder einer E-Auto-Batterie anfällt. Die schlichte Form erinnert an klassische Blumenvasen und knüpft bewusst an die historischen Stillleben der Ausstellung an. Doch diese Objekte sind keine Dekoration: Sie machen sichtbar, wie eng unser Konsum mit ökologischer Zerstörung an einem weit entfernten Ort verbunden ist.
Wenn Begriffe die Perspektive bestimmen
Einen anderen Zugang wählt Marcus Maeder. In seiner Spekulativen Botanik hinterfragt er die Sprache, mit der wir über Natur sprechen. Warum bezeichnen wir bestimmte Pflanzen als „invasiv“? Weshalb gilt Migration im Pflanzenreich als Problem?
In einer Serie von Postern formuliert Maeder Gegenthesen zur gängigen Invasionsbiologie und ihren militärisch geprägten Begriffen. Ausgangspunkt seiner Arbeit ist das Gelände des Berliner Spreeparks, ein stillgelegter Freizeitpark, auf dem sich zwischen rostenden Fahrgeschäften und verfallenen Gebäuden eine neue Wildnis entwickelt hat.
Mit Audiorecordern und Wildkameras dokumentierte Maeder das Zusammenleben von Pflanzen, Tieren und Menschen. Seine Klanglandschaft macht hörbar, wie hier eine neue Lebensgemeinschaft entsteht. Seine Definitionen laden zum Perspektivwechsel ein: Invasive Arten gebe es nicht, Migration sei ein erwünschter Prozess, und Globalisierung könne als Entstehung einer weltweiten Gemeinschaft aller Lebensformen verstanden werden. Pflanzen, so seine zentrale These, haben ein Recht auf unbeeinträchtigtes Leben – und menschliche Bedürfnisse sollten sich daran orientieren, nicht umgekehrt.
Die Ausstellung macht deutlich: Natur ist kein Gegenüber, sondern Teil unserer eigenen Existenz. Sie verbindet ästhetische Erfahrung mit unbequemen Fragen nach Verantwortung, Sprache und Handlungsspielräumen. Ich verließ die Schau ohne fertige Antworten, aber mit geschärftem Blick – und mit dem Impuls, ökologische Zusammenhänge bewusster wahrzunehmen und das eigene Verhältnis zur Natur immer wieder neu zu hinterfragen.
MGGU – Museum Giersch der Goethe-Universität
Schaumainkai 83
60596 Frankfurt am Main
Die Ausstellung ist noch bis 15. Februar 2026 zu sehen.