Nach dem Erfolg von Pfaueninsel waren die Erwartungen an Thomas Hettche hoch. Sein neuer Roman Sinkende Sterne verspricht zunächst viel: dichte Atmosphäre, existenzielle Fragen und ein packendes Szenario. Doch was als scharf gezeichnete Dystopie beginnt, verliert sich leider zusehends in einem Labyrinth aus Mythen und Symbolen.
Dabei ist der Auftakt meisterhaft konstruiert. Ein entlassener Dozent kehrt ins Wallis zurück, um das Ferienhaus seiner verstorbenen Eltern zu verkaufen. Verlust, Herkunft, Erinnerung – die klassischen Motive einer Heimkehr-Erzählung greifen sofort. Doch Hettche bricht diese Idylle radikal: Eine Naturkatastrophe hat das Oberwallis verwüstet, die Rhone ist aufgestaut, ganze Dörfer sind in den Fluten versunken. In dieser isolierten Welt herrscht plötzlich eine archaische Ordnung; das Wallis hat sich politisch abgespalten, und der Erzähler verliert als Deutscher sein Bleiberecht. Dieser dystopische Twist ist atmosphärisch stark und zieht den Leser unmittelbar in den Bann.
Doch im weiteren Verlauf verschiebt sich der Fokus. Der Roman verlässt den Boden der Realität und gleitet ins Surreale ab. Der Erzähler folgt seiner Jugendliebe auf eine Hochalm, hilft bei der Käseherstellung und begegnet Geistern im Gletscher. Wenn dann noch mythologische Figuren wie Odysseus und Sindbad auftreten oder eine hermaphroditische Bischöfin die Szenerie betritt, erreicht die Überlagerung eine kritische Masse.
Das Problem ist nicht der magische Realismus an sich, sondern die schiere Fülle: Hettche will Dystopie, Familiensaga, Literaturtheorie und antike Mythologie in einem Werk vereinen. Jede dieser Ebenen für sich hätte Potenzial, doch in der Kombination verliert der Text seine Richtung. Die anfängliche Spannung, die aus der Bedrohung durch die Naturkatastrophe resultierte, verflacht und weicht einer erzählerischen Überfrachtung, die eher ratlos macht als zum Nachdenken anzuregen.
Auch das Hörbuch kann diese strukturellen Schwächen nur bedingt auffangen. Thomas Sarbacher liest den Text zwar mit einer beeindruckenden Souveränität und fängt die wechselnden Stimmungen ruhig und differenziert ein. Dass die Geschichte mich dennoch nicht erreicht hat, liegt also nicht an der Interpretation, sondern am Fundament des Textes selbst.
Sinkende Sterne bleibt ein ambitioniertes Experiment. Wer Freude an hochkomplexen, mythologisch aufgeladenen Texten hat, wird hier fündig werden. Für mich jedoch bleibt der Eindruck eines Romans, der schlicht zu viel auf einmal will und dabei sein eigentliches Herzstück – die menschliche Erzählung – aus den Augen verliert.
Der Autor
Der 1964 im hessischen Vogelsberg geborene Schriftsteller und Essayist Thomas Hettche lebt in Berlin. Zu seinen wichtigsten Romanen zählen „Der Fall Arbogast“ (2001), „Die Liebe der Väter“ (2010), „Totenberg“ (2012) und „Pfaueninsel“ (2014). Seine Werke erschienen in mehr als einem Dutzend Übersetzungen und wurden vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Wilhelm-Raabe-Preis, dem Solothurner Literaturpreis und dem Josef-Breitbach-Preis. Sein Roman „Herzfaden“ (2020) stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis und wochenlang auf der Bestsellerliste.
Der Vorleser
Der 1961 in Hamburg geborene Schauspieler Thomas Sarbacher ist heute freischaffend in Deutschland und der Schweiz tätig. Seine künstlerische Heimat fand er zunächst bei der Bremer Shakespeare Company, bevor er an verschiedenen Bühnen in Konstanz, Zürich und Hamburg gastierte. Ab 2000 kamen Film- und Fernsehproduktionen hinzu. Parallel entwickelte sich seine Tätigkeit als Sprecher: Sarbacher ist gefragter Vorleser für Hörbücher – darunter Produktionen für die Schweizer Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte – und tritt regelmäßig mit szenischen Lesungen auf, für die er eigene Theaterinszenierungen entwickelt.

Sinkende Sterne
Von Thomas Hettche. Roman
Hörbuch. Gelesen von Thomas Sarbacher. 5 Stunden, 42 Minuten. Argon Verlag, Berlin. 2023
🎧| 11/2025