Pst! Hier wird gemeinsam geschwiegen

Silent Book Club - Foto: KI-genieriert (Adobe Stock)

Wann haben Sie das letzte Mal eine Stunde am Stück gelesen? Nicht zwischendurch, nicht mit einem halben Ohr beim Podcast auf dem Sofa, sondern wirklich: versunken, ohne Ablenkung, ganz bei der Geschichte? Wenn Sie leise „schon länger her” antworten, sind Sie in bester Gesellschaft.

Genau für dieses Gefühl wurde der Silent Book Club erfunden. Die 2012 in San Francisco entstandene Idee ist so einfach, dass man sich fragt, warum sie nicht längst jemand hatte: Menschen treffen sich an einem öffentlichen Ort – einem Café, einer Bibliothek oder manchmal auch einer Bar –, bringen ihr eigenes Buch mit und lesen dann. Still. Für sich. Und doch zusammen.

Es gibt kein Pflichtprogramm, keine Leseliste und keinen Rechtfertigungsdruck für die Lektüre. Wer Schiller mitbringt, ist ebenso willkommen wie jemand mit einem Krimi oder einem Gartenratgeber. Nach etwa einer Stunde gibt es für alle, die möchten, Gelegenheit zum Gespräch. Wer lieber aufbrechen möchte, tut das auch.

Die Amerikaner nennen dieses Format gelegentlich „Introvert Happy Hour“, und das trifft es ziemlich gut. Es ist Gesellschaft, ohne dass die Erschöpfung entsteht, die Gesellschaft manchmal mit sich bringt.

Lesen mit Verabredung

Was dieses Treffen vom Lesen zu Hause unterscheidet, ist schwieriger zu beschreiben, als man denkt. Vielleicht ist es die stille Konzentration der anderen, die sich überträgt. Oder der feste Termin, der dem Lesen plötzlich den Rang einräumt, den es verdient – als etwas, für das man sich verabredet, statt es „noch schnell“ zu erledigen. Vielleicht ist es auch der kurze Blick auf die Buchtitel der anderen, der unweigerlich die eigene Leseliste anwachsen lässt.

Der Silent Book Club ist keine Gegenbewegung zu Literaturkreisen, er ist etwas anderes. Es ist kein Diskussionsformat, kein Interpretationswettbewerb und auch kein kollektives Durcharbeiten. Sondern schlicht ein geschützter Leseraum, der sich einen öffentlichen Ort ausleiht.

Stille breitet sich aus, auch bei uns.

Was zunächst wie ein amerikanisches Großstadtphänomen klingt, hat längst auch unsere Region erreicht. In Darmstadt gibt es eine aktive Gruppe, die sich in wechselnden Cafés und manchmal auch im Literaturhaus trifft. In Frankfurt gibt es gleich mehrere Ableger, und auch in Wiesbaden und Mainz finden regelmäßig stille Lesesessions statt. Auch entlang der Bergstraße entstehen kleinere, feine Runden, oft in Buchhandlungen nach Ladenschluss.

Die dezentrale Struktur gehört zum Konzept: Es braucht keine Institution, keine Fördergelder und kein Programm. Es genügen zwei oder drei Engagierte, ein freundlicher Ort, ein fester Termin und die Einladung ist raus. Den eigenen Standort findet man am einfachsten über die offizielle „Silent Book Club Map” oder über Instagram mit dem Hashtag #SilentBookClub und dem Namen der Stadt.

Wie wäre es mit einem Silent Book Club im Kreis Groß-Gerau?

Die Idee lässt mich nicht los und vielleicht geht es Ihnen genauso. Ein freundliches Café, ein fester Termin, eine Runde Leserinnen, die einfach ihre Bücher mitbringen und eine Stunde lang in Ruhe lesen. Es gibt kein Programm und keinen Druck, sondern nur das stille Vergnügen, gemeinsam für sich zu sein.

Wenn Sie neugierig sind oder Lust hätten mitzumachen: Schreiben Sie mir. Ich bin dabei und freue mich über jede Mitleserin.

Silent Book Club – Foto: KI-genieriert (Adobe Stock)