Eine Stadt als Zeitkapsel: Pompeji

Pompeji, Villa der Mysterien. Foto: Adobe Stock

Der Besuch war nicht geplant und nicht vorbereitet, vielleicht lag gerade darin seine besondere Wirkung. Während einer Schiffsreise entlang der italienischen Küste führte ein Landgang von Neapel nach Pompeji, jener Stadt, die der Vesuv im Jahr 79 n. Chr. unter Asche und Bimsstein begrub und damit zugleich für die Nachwelt bewahrte. Es regnete in Strömen, doch das schmälerte die Faszination nicht. Im Gegenteil: Die Besucherzahlen waren überschaubar, die nassen Gassen glänzten, und zwischen den Mauern lag eine Stille, die diesem Ort angemessen schien.

Pompeji ist keine historische Stätte im herkömmlichen Sinn. Es ist eine Stadt, in der das Leben vor fast zweitausend Jahren innerhalb weniger Stunden zum Stillstand kam. Die Wege führen vorbei an öffentlichen Plätzen und privaten Häusern, an Brunnen, Werkstätten und Kultstätten. Fresken leuchten noch immer in intensiven Farben, Mosaiken bedecken die Böden, Alltagsgegenstände wirken, als seien sie erst vor Kurzem abgelegt worden. Das Monumentale und das Alltägliche sind zugleich präsent. Pompeji erscheint wie eine unbeabsichtigt hinterlassene Zeitkapsel.

Seit diesem kurzen Aufenthalt hat der Ort nicht an Präsenz verloren. Vier Bücher eröffnen unterschiedliche Zugänge zu Pompeji und haben sich dabei besonders bewährt.

Seit 2021 leitet Gabriel Zuchtriegel den Archäologischen Park Pompeji. In seinen Sachbüchern Vom Zauber des Untergangs (2023) und Pompejis letzter Sommer (2025) verbindet er persönliche Beobachtungen mit aktuellen archäologischen Erkenntnissen. Vom schlafenden Fischerjungen, der ihn an seinen Sohn erinnert, bis zur Freilegung eines Sklavenzimmers reicht der Bogen. Zuchtriegel fragt, was die Antike mit der Gegenwart zu tun hat – und zeichnet in Pompejis letzter Sommer das Bild einer Gesellschaft im Übergang, in der alte Gewissheiten brüchig werden und neue Erzählungen entstehen.

Einen ganz anderen Zugang bietet der italienische Fotograf Luigi Spina. Sein Bildband zeigt Pompeji in rund vierhundert Aufnahmen, entstanden mit einer Hasselblad-Kamera. Zu sehen sind die charakteristischen Rottöne der Wände, Mosaike, Fresken und das Spiel von Licht und Schatten in Innenräumen. Es handelt sich weniger um eine Dokumentation als um ein künstlerisches Porträt – und zugleich um einen Blick in Bereiche, die Besucherinnen und Besuchern sonst verschlossen bleiben.

Literarisch nähert sich Eugen Ruge dem Stoff. Sein Roman Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna erzählt von den Monaten vor dem Ausbruch. Der junge Einwanderer Jowna warnt vor dem drohenden Unheil, doch wirtschaftliche Interessen, politische Rücksichten und Angst vor Imageschäden überlagern jede Vorsicht. Der Roman liest sich erstaunlich gegenwärtig – als Parabel über Verdrängung, Opportunismus und das Ignorieren unbequemer Wahrheiten. Das Hörbuch, gelesen von Ulrich Noethen, verleiht dem Text zusätzliche Eleganz.

Pompeji lehrt Demut gegenüber der Natur und Staunen über das, was Menschen vor fast zweitausend Jahren geschaffen haben – und was von ihnen bleibt. Die Stadt am Vesuv, die einst in wenigen Stunden verschwand, ist heute durch Ausgrabung, Forschung und Erzählung lebendiger denn je.

Daniel Zuchtriegel: Pompejis letzter Sommer. Propyläen Verlag

Pompejis letzter Sommer. Als die Götter die Welt verließen
Von Gabriel Zuchtriegel. Sachbuch.
298 Seiten. Ullstein Buchverlage, Berlin. 2025

Daniel Zuchtriegel: Vom Zauber des Untergangs. Propyläen Verlag.

Vom Zauber des Untergangs. Was Pompeji über uns erzählt
Von Gabriel Zuchtriegel. Sachbuch.
238 Seiten. Ullstein Buchverlage, Berlin. 2023

Eugen Ruge: Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna
Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna
Von Eugen Ruge. Roman.
357 Seiten. dtv Verlag. München. 2023
> zum Beitrag

Luigi Spina: Pompeji. Elisabeth Sandmann Verlag

Pompeji. Eine Reise durch die berühmteste Stätte der klassischen Antike
Von Luigi Spina mit einführenden Texten von Gabriel Zuchtriegel und Massimo Osanna. Bildband.
478 Seiten. Elisabeth Sandmann Verlag, München. 2023
Bildband des Jahres

Beitragsbild: Die berühmten Fresken in der Villa der Mysterien in Pompeji. Foto: Francesco Bonino, Adobe Stock | Umschlagabbildungen: Propyläen Verlag, Achäologischer Park Pompeji, Elisabeth Sandmann Verlag, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag