Usambaraveilchen galten lange als Inbegriff bürgerlicher Wohnzimmerkultur: pflegeleicht, zurückhaltend, zuverlässig. Im Elternhaus standen sie über viele Jahre hinweg auf der Blumenbank im Wohnzimmer, zwischen Alpenveilchen und Einblatt, unspektakulär und selbstverständlich. Inzwischen sie aus der Mode gekommen. Dass diese Zimmerpflanze weit mehr ist als ein nostalgisches Relikt, wurde beim Besuch der Ausstellung Natur und deutsche Geschichte im Deutsches Historisches Museum in Berlin klar. Das in Deutschland so beliebte Usambaraveilchen stammt ursprünglich aus den Bergregionen des heutigen Tansania. Während der Industrialisierung gelangte es als exotisches Gewächs aus der Kolonie Deutsch-Ostafrika nach Europa. Seine Geschichte zeigt die enge Verbindung von Naturaneignung, kolonialer Macht und dem Wunsch, etwas Exotik in die Wohnung zu holen. Die unscheinbare Zimmerpflanze wird zum historischen Dokument.

800 Jahre Naturgeschichte in fünf Räumen
Die Ausstellung spannt einen zeitlichen Bogen vom Mittelalter bis in die 1970er Jahre. Ausgangspunkt ist das 12. Jahrhundert mit Hildegard von Bingen und ihrer Vorstellung von viriditas, der göttlichen Grünkraft. Den Schlusspunkt bilden Umwelt- und Bürgerbewegungen der Bundesrepublik. In fünf chronologisch aufgebauten Räumen zeigen rund 250 Exponate, wie sich Naturvorstellungen wandelten und wie sie politisch, religiös und wirtschaftlich genutzt wurden.
Pflanzen und Tiere dienen als Wegmarken der Geschichte: Der Wolf verkörpert die mittelalterliche Erfahrung von Wildnis und Gefahr, die Eiche steht für die romantische Sehnsucht nach dem Ursprünglichen. Und die Kartoffel? Sie verweist auf den nüchternen Reformgeist Friedrichs II., der ihren Anbau staatlich verordnete, um Hungersnöten zu bekämpfen.
Natur als Mittel der Macht
Wie früh Natur zum Gegenstand staatlicher Planung und Kontrolle wurde, zeigt ein Blick ins 19. Jahrhundert. Die Begradigung des Rheins durch den Wasserbauingenieur Johann Gottfried Tulla verfolgte das Ziel, Überschwemmungen einzudämmen, Land zu gewinnen und die Schifffahrt zu verbessern. Der Fluss sollte berechenbar werden – im Interesse von Wirtschaft, Verwaltung und staatlicher Ordnung.

Die ökologischen Folgen dieser Eingriffe waren gravierend. Durch den verkürzten und beschleunigten Flusslauf wurden Auen und Feuchtgebiete vom Rhein abgeschnitten; sie trockneten aus und verloren ihre Funktion als Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Zugleich sank in vielen Regionen der Grundwasserspiegel deutlich, was sich auf Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung und die natürliche Hochwasserrückhaltung auswirkte. Langfristig erhöhte sich damit sogar die Hochwassergefahr flussabwärts. Dass aus diesem schwerwiegenden Eingriff dennoch ein bedeutender Naturraum hervorging, zeigt der Kühkopf. Das Naturschutzgebiet im Hessischen Ried, nur wenige Kilometer von meinem Wohnort entfernt, ist eine direkte Folge der Rheinkorrektur. Es macht anschaulich, wie eng Regulierung, Zerstörung und späterer Naturschutz historisch miteinander verbunden sind.
Mit dem Übergang ins 20. Jahrhundert verschiebt sich der Fokus von technischer Kontrolle zu ideologischer Vereinnahmung. 1935 trat in Deutschland eines der damals modernsten Naturschutzgesetze Europas in Kraft, im selben Jahr wie die Nürnberger Rassengesetze. Die Verknüpfung von Natur- und Menschenbildern im Denken von „Blut und Boden“ zeigt, wie Naturschutz in den Dienst rassistischer Ideologie gestellt wurde.

Wyhl und die Geburt einer Bewegung
Die Ausstellung reicht bis in die 1970er Jahre und damit in eine Zeit, die noch Teil unserer Erinnerung ist. Der Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk in Wyhl markiert einen Wendepunkt: Winzer, Landwirte und Studierende besetzten 1975 gemeinsam den Bauplatz. Der Protest entwickelte eine politische Dynamik, aus der Umweltbewegungen und -verbände und später die GRÜNEN hervorgingen. Der ehemalige Bauplatz ist heute Naturschutzgebiet, ein symbolischer Schlusspunkt des Ausstellungsrundgangs.
Abschließend zeigt die Ausstellung die unterschiedlichen Umweltpolitiken von BRD und DDR: hier eine wachsende ökologische Sensibilität von unten, dort ein staatlich gelenkter Naturschutz, der primär ökonomischen Zielen diente.
Die Ausstellung zeigt deutlich, dass Natur nie neutral betrachtet werden kann. Sie ist Erinnerungsraum, Projektionsfläche und politisches Instrument – und reicht von globalen Machtverhältnissen bis in persönliche Lebenswelten, vom regulierten Flusslauf bis zum Blumen-Nierentisch in der Kindheit.
Fazit
Wer verstehen möchte, warum der Wald in Deutschland über Jahrhunderte symbolisch aufgeladen wurde oder weshalb heutige Debatten über Klimawandel und Umwelt so emotional geführt werden, findet in dieser Ausstellung zahlreiche Erklärungen und Denkanstöße. „Natur und deutsche Geschichte“ vermittelt komplexe Zusammenhänge anschaulich, historisch fundiert und ohne moralisierenden Gestus. Absolut sehenswert.
Ausstellung Natur und deutsche Geschichte.
Glaube – Biologie – Macht
Deutsches Historisches Museum, Pei-Bau Hinter dem Gießhaus 3, 10117 Berlin
Laufzeit: bis 7. Juni 2026
Zur Ausstellung

Wer keine Gelegenheit hat, nach Berlin zu reisen, dem sei als Alternative das fundierte und gut lesbare Begleitbuch zur Ausstellung empfohlen. Die Beiträge der beteiligten Autorinnen und Autoren erschließen die Ausstellungsthemen auch unabhängig vom Besuch anschaulich und nachvollziehbar.
Natur und deutsche Geschichte. Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht
Herausgegeben von Julia Voss und Raphael Gross
248 Seiten mit vielen Abbildungen. Naturkunden No.121, Matthes & Seitz Berlin. 2025