„Die Nazis waren ja nicht einfach weg.“ – das ist ein Satz, der in vielen Familien gefallen sein könnte. Vielleicht am Küchentisch, zwischen alten Fotos, Andeutungen, Ausflüchten. Ein Satz, der zugleich vieles erklärt und vieles offenlässt.
Als der Zweite Weltkrieg vor 80 Jahren endete, war Europa nicht nur ein Kontinent in Trümmern, sondern auch ein Schauplatz unermesslicher Verbrechen. Der Nationalsozialismus hatte Millionen Menschen entrechtet, verfolgt und ermordet, Länder verwüstet und ganze Gesellschaften ausgeplündert. Und doch bedeutete das Ende des NS-Regimes nicht automatisch das Ende seiner Strukturen, Denkweisen und Täter. Genau diese Nachgeschichte beleuchtet eine Wanderausstellung, die derzeit in Frankfurt am Main zu sehen ist. Zuvor war sie in Berlin im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors gezeigt worden und ist nun im Museum für Kommunikation Frankfurt am Schaumainkai zu Gast.
Worum geht es?
Die Ausstellung erzählt nicht die NS-Zeit von 1933 bis 1945 nach. Sie setzt danach an – bei der Frage, wie Deutschland mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umging. Dabei wird deutlich: Der Umgang mit dieser Geschichte war keineswegs geradlinig. Viele Menschen schwiegen. Viele wollten nicht wissen. Täterbiografien wurden verdrängt oder verharmlost, während Opfer oft lange um Anerkennung kämpfen mussten. Erst allmählich entwickelten sich Formen der Erinnerungskultur, wie wir sie heute kennen: Gedenkstätten, Dokumentationszentren, Bildungsprogramme, öffentliche Debatten. Die Ausstellung macht sichtbar, wie sehr sich dieser Umgang verändert hat – und wie konfliktreich dieser Prozess war.
Was wird gezeigt?
Zu sehen sind rund 120 Exponate, darunter Dokumente, Fotografien, persönliche Gegenstände und Zeugnisse aus verschiedenen Jahrzehnten. Die Ausstellung arbeitet bewusst biografisch und alltagsnah. Sie zeigt nicht nur politische Entscheidungen, sondern auch gesellschaftliche Stimmungen: das Wegsehen, die Verdrängung, aber auch die langsam wachsende Bereitschaft, hinzuschauen. In mehreren Themenbereichen wird nachvollziehbar, wie Erinnerung in Deutschland entstanden ist – nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als Ergebnis von Konflikten, Initiativen und Generationenwechseln. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Perspektive von Jugendlichen: Wie haben Kinder und junge Menschen in den Jahrzehnten nach 1945 über den Nationalsozialismus gelernt? Was wurde erzählt – und was nicht? Und welche Fragen stellen junge Menschen heute?

Entwickelt wurde die Ausstellung vom Schulmuseum der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie entstand in Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern und ist als Wanderausstellung konzipiert.
Für wen lohnt sich ein Besuch?
Die Ausstellung richtet sich ausdrücklich an junge Menschen, aber sie ist auch für ältere Besucherinnen und Besucher interessant. Denn viele Themen berühren Jahrzehnte, die wir selbst erlebt haben oder aus Erzählungen kennen: die Nachkriegszeit, die 1950er-Jahre, die langen Phasen des Schweigens, aber auch die späteren Debatten um Schuld und Verantwortung. Wer die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht nur als „Stoff“ betrachtet, sondern als Teil eines eigenen Erfahrungshorizonts, wird hier viele Anknüpfungspunkte finden.
Die Ausstellung lädt dazu ein, über eine Frage nachzudenken, die bis heute nicht erledigt ist: Wie entsteht Erinnerung – und wie entsteht Verdrängung?
Fazit
Diese Ausstellung ist kein spektakuläres Ereignis im klassischen Sinn. Sie arbeitet eher leise, mit Dokumenten, Stimmen, Zitaten und Geschichten. Gerade dadurch entfaltet sie Wirkung. Denn sie erinnert daran, dass die Vergangenheit nicht nur in Archiven liegt, sondern in Familiengeschichten, in Lebensläufen, in Institutionen – und manchmal auch in den Dingen, über die man jahrzehntelang nicht gesprochen hat. Vielleicht ist es genau das, was den Titel so treffend macht: Die Nazis waren nicht einfach weg. Und die Aufgabe, sich damit auseinanderzusetzen, ist es auch nicht.
Museum für Kommunikation Frankfurt
Schaumainkai 53
60596 Frankfurt am Main
bis 26. Juli 2026
Weitere Informationen zur Ausstellung bietet die Museumsseite:
https://www.mfk-frankfurt.de/nazis-nach-1945-ausstellung/
Fotos: Ausstellungsansicht mit Besucherinnen © Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Foto: Stefanie Kösling.
Titelfoto: Zeichnung Fritz Bauer, aufgenommen von Ulla Blohberger 2025 im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin.