Wie von Riesen gebackene Baumkuchen – so beschrieb Städel-Direktor Dr. Philipp Demandt die monumentalen Kreidefelsen von Étretat bei der Eröffnung der aktuellen Ausstellung. Und wer die Schau „Monets Küste – die Entdeckung von Étretat“ besucht hat, versteht sofort, was er meinte: Diese bizarren Felstore wirken tatsächlich wie überdimensionale Skulpturen, die eine überirdische Hand aus dem Atlantik geformt hat.
Vom Fischerdorf zum Künstlermagnet
Was heute jährlich Millionen Touristen anzieht, war Ende des 18. Jahrhunderts ein abgelegener Küstenort. Eine zweitägige Reise von Paris entfernt. Doch bereits zur Zeit der Romantik entdeckten Maler das ungewöhnliche Licht der Alabasterküste. Eugène Isabey fertigte hier Aquarelle als Vorlagen für spätere Ölbilder, der deutsche Johann Wilhelm Schirmer malte in den 1830er Jahren Ölstudien. 1852, wenige Jahre nach Erfindung der Fotografie, entstanden die ersten Fotoserien des Ortes.
Den vielleicht eindrucksvollsten Auftritt in der Frankfurter Schau hat Gustave Courbet. Seinen berühmten Wellenbildern ist ein eigener Raum gewidmet – und man sieht sofort, warum: Courbet trug die Farbe nicht mit dem Pinsel auf, sondern mit dem Palettmesser. So entstanden diese rauen, krustigen Oberflächen, die die Gischt förmlich aus der Leinwand brechen lassen.
Monet und die Geburt der Serie
Claude Monet hielt sich zwischen 1864 und 1886 mindestens sechsmal in Étretat auf. Das Ergebnis: rund 80 Gemälde, mehrere Pastelle, zahlreiche Zeichnungen. Etwa ein Drittel davon ist jetzt im Städel zu sehen – 24 Werke allein von Monet, eingebettet in insgesamt 170 Exponate aus führenden internationalen Museen.
Eigentlich war er nicht mehr ein Maler, sondern Jäger. Kinder folgten ihm, die seine Leinwände trugen, fünf oder sechs Leinwände, die alle das gleiche Motiv zu verschiedenen Tageszeiten und in unterschiedlichen Stimmungen wiedergaben.
[Guy de Maupassant über Claude Monet]
Was in Étretat begann, sollte zu Monets Markenzeichen werden: das serielle Arbeiten. Um unterschiedliche Wetter- und Lichtverhältnisse festzuhalten, malte er parallel an mehreren Gemälden. Die drei Felsentore – Porte d’Amont, Porte d’Aval und die gewaltige Manneporte – erscheinen in immer neuen Stimmungen: im Morgenlicht, im Sturm, bei Ebbe, bei Flut. Dieser Ansatz gab entscheidende Impulse für die moderne Malerei.
Die große Täuschung
Besonders faszinierend ist der Kontrast zwischen Monets Bildern und der historischen Realität. Die Gemälde wirken menschenleer, zeigen eine vermeintlich unberührte Natur. Doch die Wahrheit sah anders aus: Schon im 19. Jahrhundert herrschte in Étretat reger Badebetrieb. Monet kam bewusst außerhalb der Saison, um die Landschaft ohne Störung einzufangen. Die Sommerfrischler saßen bereits damals dicht an dicht am Kiesstrand, verdrängten allmählich die Fischer und verwandelten das Dorf in ein Seebad.
Genau diese Illusion der Einsamkeit macht vielleicht bis heute die Wirkung dieser Bilder aus – und befeuert paradoxerweise den Tourismus, der den Ort bedroht. Über eine Million Besucher kommen jährlich zu einem Dorf mit gerade mal 1000 Einwohnern. Klimawandel und Massentourismus gefährden inzwischen jenen Naturraum, den die Ausstellung so eindrucksvoll dokumentiert.
Eintauchen in die normannische Küste
Das Städel bereitet den Besuch geschickt vor: Am Eingang versetzt eine immersive Installation die Besucher durch Projektionen, Licht und Klang nach Étretat. Von dort führt der Weg chronologisch durch die künstlerische Entdeckung des Ortes – von Delacroix über Courbet und Monet bis zu Henri Matisse, Georges Braque und dem zeitgenössischen Fotografen Elger Esser.
Die Ausstellung zeigt nicht nur den Licht- und Farbenrausch der Impressionisten. Sie erzählt auch von der Macht der Bilder, Mythen zu schaffen – und von der Verantwortung, die damit einhergeht. Denn wo Licht ist, ist auch Schatten: Die Küste litt unter der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und kämpft heute gegen die Folgen ihrer eigenen Berühmtheit. Wer Étretat nach der Ausstellung besuchen möchte, sollte vielleicht Monets Strategie folgen undaußerhalb der Saison kommen.
„Monets Küste – die Entdeckung von Étretat“ läuft noch bis zum 5. Juli 2026 im Städel Museum. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:

Herausgegeben von Alexander Eiling, Eva-Maria Höllerer, Stéphane Paccoud, Isolde Pludermacher. Mit Beiträge von S. Aubenas, M.-H. Desjardins, A. Eiling, E.-M. Höllerer, N. Janotka, Y. Leclerc, N. Lefrançois, S. Paccoud, L. Passilly, I. Pludermacher, A. Théry, S. Venayre, M. Vottero, P. Wat. 280 Seiten, 274 Abbildungen. Gebunden. 2026. Hirmer Verlag