Am 6. Dezember 2025 ist der britische Dokumentarfotograf Martin Parr in seinem Haus in Bristol im Alter von 73 Jahren gestorben. Er prägte wie kaum ein anderer den Blick auf die Absurditäten unseres Alltags, mit Humor, Scharfsinn und jener unverwechselbaren Farbsättigung, die seine Bilder zu Ikonen der zeitgenössischen Fotografie machte.
Die Liebe zur Fotografie legte ihm sein Großvater George in die Wiege. Bei Besuchen in West Yorkshire nahm der begeisterte Amateurfotograf den Enkel mit auf Streifzüge, lehrte ihn das Fotografieren und Entwickeln. Mit 13 oder 14 Jahren stand für Martin Parr fest: Er würde Fotograf werden, nichts anderes kam in Frage. 1952 in Epsom, Surrey, geboren, wuchs er in einem Haushalt von Vogelbeobachtern auf – die Familienurlaube bestanden darin, Zugvögel zu beringen und Daten zu sammeln. Diese frühe Prägung, das Dokumentieren und Katalogisieren, durchzieht sein gesamtes Werk.
1970 verließ Parr das wohlhabende Surrey und ging ins multikulturelle Manchester, wo er bis 1973 am Manchester Polytechnic Fotografie studierte. Von dort zog es ihn nach Hebden Bridge in West Yorkshire, wo er seine Frau Susan Mitchell kennenlernte. Nach Jahren in Irland siedelte das Paar nach Wallasey in Merseyside – und dort geschah der entscheidende Wandel: Parr wechselte zur Farbfotografie.
Sein Durchbruch kam 1986 mit dem Fotoband „The Last Resort“, der Arbeiterfamilien im heruntergekommenen Seebad New Brighton zeigt. Sonnenbrandgezeichnete Gesichter, Pommesbuden, vermüllte Strände – die grellbunten, blitzgelichteten Aufnahmen spalteten die Kritiker. Die einen warfen Parr vor, er verspotte die Arbeiterklasse; die anderen erkannten darin ein schonungsloses Zeitdokument des Thatcher-Britanniens. „Ich bin kontrovers“, sagte Parr einmal. „Es erstaunt mich immer noch, dass ich kontrovers bin. Wie kann jemand in einen Supermarkt gehen und fotografieren und kontrovers sein, während andere in Kriege ziehen und Sterbende fotografieren und niemand das unethisch findet?“
Selbst Henri Cartier-Bresson, der große Meister der humanistischen Fotografie, versuchte 1994 Parrs Aufnahme in die legendäre Fotoagentur Magnum zu verhindern. Parrs Bilder kämen ihm vor wie von einem anderen Planeten, schrieb der Franzose. Parr konterte trocken: „Ich verstehe, wie Sie sich fühlen. Aber warum den Boten erschießen?“ Mit einer einzigen Stimme Mehrheit wurde er dennoch aufgenommen und leitete die Agentur später von 2013 bis 2017 als Präsident.
Bristol wurde sein Lebensmittelpunkt. Dort gründete er 2014 die Martin Parr Foundation, die sein Archiv beherbergt – neben einer gewaltigen Sammlung von Postkarten und Fotobüchern anderer Künstler. Er war ein obsessiver Sammler, der sein Umfeld über 50 Jahre hinweg dokumentierte. Mehr als 100 Fotobücher hat er veröffentlicht, darunter „The Cost of Living“ über den neuen Wohlstand der Mittelschicht, „Small World“ über den Massentourismus und „Common Sense“ über globalen Konsumwahn.
Im Mai 2021 wurde bei Parr ein Myelom diagnostiziert, eine unheilbare Form von Blutkrebs. Noch in diesem Herbst erschien seine Autobiografie „Utterly Lazy and Inattentive“ – der Titel zitiert das vernichtende Urteil eines Schullehrers. „Ich hatte sehr viel Glück“, sagte er im Interview. „Ich brauche einen Rollator zum Spazieren, aber ich kann immer noch fotografieren.“
Bis zum 4. Januar zeigt die Leica Galerie Frankfurt seine Ausstellung „Martin Parr in Colour“. Die Räume am Großen Hirschgraben 15 versammeln Parrs bekannteste Motive: die Frau, deren Gesicht hinter der englischen Flagge verschwindet, den überfüllten Strand von Benidorm, der als ironisches Postkartenmotiv die Sehnsucht nach Urlaub und deren Wirklichkeit gleichermaßen einfängt. Wer die Ausstellung verpasst hat, kann im Jeu de Paume in Paris ab dem 30. Januar eine große Retrospektive unter dem Titel „Global Warning“ besuchen.
Parr richtete seine Kamera auf Situationen, die wir alle kennen – Strandurlauber, Konsumtempel, Festtagsrituale. Doch durch seinen Blick wurden diese Szenen zu Kommentaren über unsere Gesellschaft. Seine Fotografien luden zum Schmunzeln ein und zwangen zugleich zum Nachdenken. Diese Dopplung, dieser Witz mit Tiefgang, machte seine Arbeit so besonders.
Auf die Frage, welchen Rat er jungen Dokumentarfotografen geben würde, antwortete Parr: „Der große Fehler, den die Leute machen, ist, zu viel sagen zu wollen. Sie wollen mit einem Projekt die ganze Welt verändern. Sie begreifen nicht, dass eine kleine Sache gut und bedeutsam zu behandeln viel wirksamer ist, als zu viele Aspekte der Welt auf einmal abdecken zu wollen. Wenn du nicht in einem Satz erklären kannst, was du tust, ist es kaum der Mühe wert“.
Arbeiten von Martin Parr sind auch in der Online-Sammlung fotografischer Kunstwerke der DZ Bank Frankfurt abrufbar.
Titelfoto: Knokke. Belgium. 2001 (c) Martin Parr/Magnum Photos (mit freundlicher Erlaubnis der Leica Galerie Frankfurt am Main)