Erlaubnis zum Zuklappen: Wie ein Roman

Zwei Leser im Sommer. Foto: candy1812, Adobe Stock

Jeder Leser kann jederzeit ein Buch zuklappen. Niemand zwingt uns, bei Flaubert auszuharren, wenn uns nach einem Krimi ist. Wir dürfen Seiten überspringen, bei Seite 48 aufhören oder ein Buch jahrelang ungelesen im Regal stehen lassen. Das sind keine Privilegien, die uns jemand gewähren müsste – es sind schlichte Tatsachen.

Und doch fühlt es sich oft anders an. Da ist diese innere Stimme, die sagt: Ein angefangenes Buch muss man zu Ende lesen. Klassiker gehören zur Bildung, also durch. Comics sind keine richtige Literatur. Wer ein Buch abbricht, hat versagt. Diese verinnerlichten Pflichten sitzen tief. Sie stammen aus Elternhäusern, in denen Bücher heilig waren, aus Schulen, die Lektürelisten abhakten, aus einem Kulturbetrieb, der zwischen hoher und niederer Literatur unterscheidet. Irgendwann haben wir sie uns zu eigen gemacht – und das Lesen wurde vom Vergnügen zur Verpflichtung.

Genau hier setzt Daniel Pennac an. In seinem Essay „Wie ein Roman“ erzählt er von einem Jungen, der in einem bücherliebenden Elternhaus aufwächst und Geschichten verschlingt – bis eine Schulaufgabe alles verändert: Flauberts „Madame Bovary“ in 14 Tagen lesen und zusammenfassen. 446 Seiten. Der Junge bleibt auf Seite 48 stecken. Die Lesefreude stirbt.

Aus dieser Beobachtung entwickelt Pennac sein Manifest: die zehn unantastbaren Rechte des Lesers. Das Recht, nicht zu lesen. Seiten zu überspringen. Ein Buch nicht zu Ende zu lesen. Irgendetwas zu lesen – auch Comics oder Krimis. Überall zu lesen. Sich vorzulesen. Zu schweigen über das Gelesene. Und das Recht auf „Bovarysmus“: das vollständige Aufgehen in einer Romanwelt, das Vergessen der eigenen Realität.

Diese „Rechte“ sind keine juristischen Ansprüche. Sie sind Erlaubnisse, die wir uns selbst nicht geben. Pennac hält uns einen Spiegel vor und fragt: Warum lesen wir eigentlich? Für die Bildung? Für den Smalltalk auf Partys? Oder weil es uns in den Bann zieht?

Warmherzig, humorvoll und mit der Autorität des erfahrenen Lehrers schreibt Pennac gegen den inneren Zensor an. Er wendet sich an Eltern und Lehrer, aber vor allem an uns selbst, an den Teil in uns, der glaubt, durchhalten zu müssen.

Dieses schmale Buch, 1992 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, hat dreißig Jahre in meinem Regal auf seinen Moment gewartet. Ich habe es tatsächlich zu Ende gelesen, aber nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil Pennacs Essay einfach anregend ist. Und genau das ist der Punkt: Die Verpflichtung braucht es nicht, wenn ein Buch in den Bann zieht.

Der Autor

Der französische Schriftsteller und Lehrer Daniel Pennac wurde 1944 in Casablanca geboren und heißt eigentlich Daniel Pennacchioni. Er ist Autor von Romanen sowie Kinder- und Jugendbüchern. Durch seine „Malaussène“-Reihe, in der er das Leben einer chaotischen Familie in Paris beschreibt, ist er einem großen Publikum bekannt geworden. Zudem engagiert er sich als Förderer der Lesekultur in Frankreich.

Daniel Pennac: Wie ein Roman. Büchergilde Gutenberg.

Wie ein Roman
von Daniel Pennac.
Aus dem Französischen von Uli Aumüller.
164 Seiten. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt. 1992.

Beitragsbild: Zwei Leser im Sommer. Foto: candy1812, Adobe Stock
Buchfoto: Ulla Blohberger