Hélène de Beauvoir ist bis heute eher unbekannt. Meist wird sie nur als die jüngere Schwester von Simone de Beauvoir wahrgenommen, der berühmten Philosophin und Vordenkerin der Frauenbewegung. Dabei war Hélène de Beauvoir eine Künstlerin mit einem umfangreichen Werk. Sie malte, zeichnete und schuf Druckgrafiken.
Die Opelvillen Rüsselsheim widmen Hélène de Beauvoir nun eine umfassende Werkschau mit 177 Werken. Fast 25 Jahre nach ihrem Tod werden erstmals Bilder aus den Jahren 1925 bis 1994 ausgestellt, die die Bedeutung der Künstlerin für die Malerei beleuchten. „Mit anderen Augen sehen“ lädt dazu ein, Hélène de Beauvoir unabhängig von ihrer Schwester zu entdecken. Leihgaben aus mehreren europäischen Ländern machen die Vielseitigkeit ihres Werks deutlich: Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafiken.
Hélène de Beauvoir legte sich nie auf einen Stil fest. In ihren frühen Jahren arbeitete sie klar gegenständlich, ab den späten 1950er Jahren wurden ihre Bilder freier, Formen lösten sich auf und Figuren sowie Hintergründe gingen ineinander über. In dieser Phase tauchen vermehrt Tier- und Naturmotive auf. Tiere erscheinen nicht als idyllische Staffage, sondern als eigenständige, kraftvolle Wesen. Sie stehen für Unabhängigkeit, Instinkt und Widerstand – Qualitäten, die Hélène de Beauvoir auch dem Menschen zuschrieb. 1965 übermalte sie viele Bilder aus dieser Schaffensperiode und kehrte wieder zu klaren Motiven zurück. Diese Wechsel zeigen ihr Bestreben, sich immer wieder neu künstlerisch auszuprobieren.

Ab 1969 wurde ihre Kunst politisch. Die Studentenproteste in Paris, die Rolle der Frau in der Familie und Gewalt gegen Frauen wurden zu wichtigen Themen. Hélène de Beauvoir engagierte sich aktiv für Frauenrechte. Ihre Bilder sind direkt, verständlich und in ihrer Haltung eindeutig. Für sie war Kunst kein Rückzugsort, sondern ein Mittel, um Stellung zu beziehen. Ab 1970 tauchten immer wieder Tiger in ihren Bildern auf – starke, eigenwillige Tiere, die sie über Jahre begleiteten. Der Tiger wird zu einer Art Alter Ego: wachsam, unbeugsam und frei, zugleich Teil der Natur und ihr gegenübergestellt. Nach dem Tod ihrer Schwester Simone de Beauvoir im Jahr 1986 entstanden sehr persönliche Trauerbilder.
Hélène de Beauvoir lebte nach vielen Auslandsaufenthalten seit 1963 mit ihrem Mann Lionel zurückgezogen in einem umgebauten Winzerhof im Elsass. Die Nähe zur Landschaft und zum natürlichen Rhythmus des Landlebens spiegelt sich in der Ruhe und Konzentration ihrer späteren Arbeiten. Sie arbeitete bis ins hohe Alter und starb 2001 mit 91 Jahren. Beigesetzt wurde sie auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.
Die Ausstellung in den Opelvillen zeigt eine Künstlerin, die lange übersehen wurde. Sie macht deutlich, dass Hélène de Beauvoir ihren eigenen Weg ging – unabhängig, politisch und beharrlich. Die Schau bietet die Gelegenheit, eine bedeutende Position der feministischen Malerei des 20. Jahrhunderts kennenzulernen.
Opelvillen Rüsselsheim
Ludwig-Dörfler-Allee 9
Ausstellung ist noch bis 8. Februar 2026 zu sehen.
>> Informationen zur Ausstellung

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen
Hélène de Beauvoir. Mit anderen Augen sehen.
200 Seiten mit zahlreichen Abbildungen.
Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim
Erhältlich ist der Katalog in den Opelvillen.