Regionalpark Rhein-Main: Das Haus des Dichters bei Flörsheim

Wer vom Regionalpark Besucherzentrum in Weilbach an den Aussiedlerhöfen vorbei den Hügel hinaufgeht, stößt irgendwann auf ein Bauwerk, das zunächst ratlos macht: Ein kreisrundes Dach ruht auf einer kreuzförmigen Wand, deren Oberfläche mit Regalen bedeckt ist, die mit Büchern gefüllt sind. Außenwände., Fenster und Türen? Fehlanzeige. Und genau das ist die Idee dahinter.

Das Haus des Dichters zählt zu den verspieltesten Landschaftskunstwerken des Regionalparks RheinMain. Es steht südwestlich von Weilbach auf dem höchsten Punkt eines Hügels. Früher wurde hier Kies gewonnen. Anfang der 1990er Jahre wurde die Grube mit Erde verfüllt. Was einst Deponie war, ist heute ein Ort für Dichtung und Stille.

Das Ensemble widmet sich allen Dichterinnen und Dichtern, Goethe allerdings etwas mehr als anderen. Das hat nicht nur mit der Nähe zu seiner Geburtsstadt Frankfurt zu tun. Im Jahr 1814 führte ihn eine seiner vielen Reisen auch in die Region um Flörsheim am Main. Auf dieser Reise an Rhein, Main und Neckar entlang fand er Anregungen für seinen Gedichtzyklus West-östlicher Divan. Zu diesem Zyklus gehört auch das Gedicht Ginkgo biloba*. In Erinnerung daran wurde am Haus des Dichters ein Ginkgo-Hain gepflanzt.

Metallplatten mit Gedichten haften wie herangewehte Blätter im Wind an den Bücherwänden. Zu lesen sind Verse von Peter Härtling, Robert Gernhardt, Joachim Ringelnatz und anderen. Eine kleine, feine Anthologie unter freiem Himmel. Schade nur, dass Wände und auch Gedichte stellenweise von Sprühfarbe verunstaltet sind. Man wünscht sich, dass die Anlage bald wieder in einem gepflegten Zustand zu erleben ist. Sie hätte es verdient.

Vor dem Dichterhaus dreht sich eine Schreibfeder als Wetterfahne. Das offene Haus auf dem Hügel ist umgeben von Wiesen und Bäumen. Es lädt zum Innehalten, zum Lesen und vielleicht auch zum Nachdenken darüber ein, was von dem, was wir schreiben, bleibt.

Wer mag, kehrt anschließend im Gasthaus Zum Wilden Esel ein. Es befindet sich im Erdgeschoss des Regionalpark-Besucherzentrums in Flörsheim-Weilbach mit Terrasse und Blick auf den Teich. Den ungewöhnlichen Namen verdankt das Lokal den Wildeseln, die gleich nebenan im Naturschutzgebiet um den Silbersee leben: asiatische Kulane, die hier eine der wenigen Schutzstätten in der Region gefunden haben.

Ginkgo biloba

Dieses Baumes Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn.
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich eins und doppelt bin ?

Johann Wolfgang von Goethe 1815
(1749 – 1832) 

Das gespaltene Ginkgoblatt steht in Goethes Gedicht als Sinnbild für zwei Menschen, die zueinander gehören. Goethe schrieb es für seine späte Liebe Marianne von Willemer, der er 1814 in Frankfurt begegnete.