Der Jane Austen Club

Lesekreis. Abbildung: Kilian, generiert mit KI / Adobe Stock

Die wiederholten Erzählungen einer Freundin über ihren Lesekreis brachten einen Roman in Erinnerung, der lange unbeachtet im Bücherregal gestanden hatte: Der Jane Austen Club von Karen Joy Fowler. Vor Jahren begonnen, dann aus den Augen verloren – nun schien der richtige Zeitpunkt gekommen, die Lektüre wieder aufzunehmen.

Als langjährige Leserin von Jane Austen ließ sich dieser Roman ohnehin kaum umgehen. Ihre Bücher sind vertraut, gelesen und gehört, nicht zuletzt in der Hörbuchfassung mit Eva Mattes. Zudem hätte Jane Austen am 16. Dezember 2025 ihren 250. Geburtstag gefeiert – ein Anlass, sowohl den Lieblingsroman Emma erneut zur Hand zu nehmen als auch Fowlers Roman endlich zu Ende zu lesen.

Was geschieht, wenn sechs sehr unterschiedliche Menschen über ein halbes Jahr hinweg gemeinsam Jane Austen lesen? Fowler macht aus dieser Ausgangsidee weit mehr als die Geschichte eines Literaturkreises. Die Mitglieder – von der pensionierten Lehrerin bis zum jungen Science-Fiction-Leser – treffen sich, um über Stolz und Vorurteil, Emma und die übrigen Romane zu sprechen. Doch während sie Austens Figuren analysieren, beginnen sich ihre eigenen Lebensgeschichten mit den literarischen Gesprächen zu verschränken.

Fowler arbeitet mit feinen Spiegelungen. In einer der Figuren klingt deutlich Emma Woodhouse an: klug, eigensinnig, nicht frei von Selbstüberschätzung. Diese Anspielung ist liebevoll und mit leisem Humor gesetzt. Insgesamt schreibt Fowler mit leichter Hand, präzise in den Dialogen, aufmerksam für menschliche Schwächen. Ihr Ton ist warm, aber nie sentimental, unterhaltsam und zugleich gedanklich präsent. Qualitäten, die auch Jane Austens Werk auszeichnen.

Besonders überzeugend ist, dass der Roman ohne literarisches Vorwissen funktioniert. Wer Jane Austen kennt, wird Parallelen und Anspielungen mit Vergnügen entdecken. Doch auch ohne diese Kenntnisse liest sich Der Jane Austen Club als kluge Erzählung über Freundschaft, verpasste Möglichkeiten und die Frage, wie Literatur helfen kann, sich selbst besser zu verstehen. Der Roman wurde 2004 ein internationaler Bestseller und später verfilmt. Die Verfilmung greift zentrale Motive auf, erreicht jedoch nicht ganz die erzählerische Vielschichtigkeit der Vorlage. Im Buch erhalten die Figuren mehr Raum, ihre Entwicklungen entfalten sich subtiler und nachhaltiger.

Nach der Lektüre führte der Weg zurück zu Emma, zunächst als Hörbuch, dann erneut als Roman. Fowlers Perspektive schärft den Blick für Jane Austens zeitlose Menschenbeobachtungen. Ihre Romane wirken nach dieser Lektüre nicht neu, aber klarer. Und am Ende bleibt eine naheliegende Frage: Warum eigentlich nicht selbst einen Jane-Austen-Lesekreis gründen?

Die Autorin

Karen Joy Fowler wurde 1950 in Indiana geboren und lebt heute in Kalifornien. Mit dreißig Jahren beschloss sie, Schriftstellerin zu werden. Ihre literarische Karriere begann in der Science-Fiction: 1987 wurde sie als beste neue SF-Autorin mit dem John W. Campbell Award ausgezeichnet. „Der Jane Austen Club“ machte Fowler 2004 international bekannt und wurde später mit Emily Blunt verfilmt. 2020 wurde ihr Gesamtwerk mit dem World Fantasy Award gewürdigt.

Karen Joy Fowler: Der Jane Austen Club. Roman. Goldmann Verlag, München 2005

Der Jane Austen Club
von Karen Joy Fowler. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay.
320Seiten. Goldmann Verlag, München. 2005.
Das Buch ist antiquarisch erhältlich.

Beitragbild: Kilian, generiert mit KI (Adobe Stock)
Buchumschlag: Verlag