Lebenslinien an der Elbe: Flusslinien

Steinerne Treppe zum Römischen Garten an der Elbe. Foto: Adobe Stock
Die steinerne Treppe zum Römischen Garten an der Elbe. Foto: Kris Hoobaer (Adobe Stock)

Ein Silberreiher gleitet lautlos über einen leicht nebligen Fluss. Der Buchumschlag fängt jene ruhige, schwebende Stimmung ein, die Katharina Hagena in ihrem Roman Flusslinien auch sprachlich entfaltet.

Der Roman begleitet zwölf Frühsommertage an der Elbe und erzählt von drei Menschen aus unterschiedlichen Generationen. Margrit ist hundertundzwei Jahre alt und lebt in einer betreuten Wohnung einer Seniorenresidenz nahe des Flusses. Sie ist fast taub, ihre Füße tragen sie oft nicht mehr, ihr Körper schmerzt, und eine Besserung ist nicht zu erwarten. Dennoch lässt sie sich jeden Tag von Arthur in den Römischen Garten oberhalb der Elbe fahren.

Dort sitzt sie auf einer Bank, blickt auf den Fluss und erinnert sich. Nicht geordnet, nicht chronologisch, sondern so, wie Erinnerung eben funktioniert: in Schleifen, Sprüngen, Überblendungen. Manchmal legt sie ihre rosa Kopfhörer, die sie „Schweinchen“ nennt, ab, um den Vögeln zuzuhören. Nach einer Stunde holt Arthur sie wieder ab. Diese kleine, täglich wiederkehrende Zeremonie bildet das ruhige Zentrum des Romans.

Margrits achtzehnjährige Enkelin Luzie hat kurz vor dem Abitur die Schule verlassen und lebt in einer DLRG-Hütte direkt am Fluss. Was sie aus Australien mitgebracht hat, zeigt sich in ihrer Wut und Verschlossenheit. Ihrer Großmutter bleibt vieles verborgen, obwohl Luzie sie fast täglich besucht. Luzie beginnt mit dem Tätowieren, sticht sich selbst und später auch anderen Menschen Geschichten auf den Körper. Ihrer Großmutter tätowiert sie auf deren Wunsch hin den Flussverlauf der Elbe auf den Körper.

Margrit hat es ernst gemeint, als sie Luzie anbot, dass sie auf ihrem Körper anfangen dürfe. – Neenee Oma, spinnst du jetzt? Das mach ich nicht. Eine Tätowierung ist schließlich für immer! – Du klingst wie Dein Vater. Glaub mir Kind, mein für immer ist eine sehr absehbare Zeit, das einzige Risiko wäre, dass ich sterbe, bevor du fertig bist.

Arthur arbeitet als Fahrer in der Seniorenresidenz, bringt Bewohnerinnen und Bewohner zur Dialyse und sucht in seiner Freizeit mit einem Metalldetektor das Flussufer ab. Zugleich erfindet er künstliche Sprachen mit eigener Grammatik und eigenem Klang, sogenannte Conlangs. Eine davon trägt den Namen Sigé und kennt hundertdreiundvierzig Namen für Stille. Seit dem Verschwinden seines Zwillingsbruders ist auch Arthurs eigenes Leben aus dem Gleichgewicht geraten.

Drei Menschen mit Verletzungen, die sie selbst nur nach und nach benennen können. Zwischen diese Gegenwartserzählung legt Hagena eine weitere Lebenslinie: die Geschichte der Gartengestalterin Else Hoffa, die den Römischen Garten an der Elbe einst im Auftrag der Familie Warburg anlegte, ihn 1938 verlassen und nach England emigrieren musste. Historische Fakten und literarische Erzählung gehen dabei ineinander über.

Hagena schreibt mit großer sprachlicher Präzision, mit Sinn für Rhythmus und leisem Humor. Besonders die Szenen in der Seniorenresidenz sind fein beobachtet. Die ironisch benannte „Siechen-Olympiade“, ein Wettbewerb um Blutdruckwerte, knackende Knochen und wachsende Tumore, ist zugleich bitter und komisch, ohne je ins Groteske zu kippen. Auch Arthurs sprachliche Gedankenspiele, etwa über das Wort „Sondengänger“, gehören zu den heiteren Passagen des Romans.

Flusslinien ist sorgfältig komponiert. Erzählstränge verzweigen sich, Nebenlinien treten hinzu und verschwinden wieder. Das verlangt Geduld. Wer eine klar geführte Handlung erwartet, wird möglicherweise unruhig. Wer sich jedoch auf das mäandernde Erzählen einlässt, entdeckt eine besondere Form von Bewegung: leise, langsam und nachhaltig.

Ein Roman für alle, die Sprache als Erlebnis schätzen und keine Angst vor Vielschichtigkeit haben. Für naturverbundene Leser, die den Fluss zugleich als Landschaft und als Metapher verstehen. Und für Menschen, die wissen, was es bedeutet, etwas mit sich zu tragen, das sich noch nicht in Worte fassen lässt. Wer darüber hinaus dem NABU nahesteht (wie die Schreiberin dieser Zeilen) und einen Fahrer mit Metalldetektor und Kunstsprachen sympathisch findet, hat mit Arthur ohnehin seinen Menschen gefunden.

Flusslinien von Katharina Hagena, Verlag Kiepenheuer & Witsch

Flusslinien
von Katherina Hagena
390 Seiten. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 2025.


Ich danke dem Verlag Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.