Eingehüllt in schwere Wolldecken sitzt ein schmaler, erschöpfter Mann auf dem Sonnendeck des Schnelldampfers America. Es ist Gustav Mahler auf seiner letzten Reise von New York zurück nach Europa. Er ist todkrank, und während die Welt um ihn herum in den Rhythmus des Schiffsdienstes eintaucht, hat die Crew ihm einen abgeschirmten Rückzugsort geschaffen. Ein junger Schiffsjunge bringt Tee, richtet die Kissen und wird zum stillen Zeugen eines vergehenden Lebens. Während Mahlers Frau Alma und die gemeinsame Tochter unten im Speisesaal frühstücken, ziehen oben an Deck die Bilder der Vergangenheit wie Nebelschwaden vorüber.
In diesen wachen Momenten kehrt die Kindheit in Böhmen zurück, überschattet vom frühen Tod sieben seiner Geschwister. Er denkt an Alma, die Muse Wiens, die er liebte und doch an Walter Gropius verlor. Und immer wieder ist da Maria, die 1907 verstorbene Tochter, deren Abwesenheit noch immer eine klaffende Wunde ist. Die Gedanken tragen ihn weit weg vom Ozean: in die Stille von Toblach, zu den morgendlichen Spaziergängen und in das kleine Komponierhäuschen, in dem Meisterwerke wie Das Lied von der Erde entstanden.
Doch die Erinnerung ist nicht nur friedvoll. Seethaler lässt auch die hässlichen Stimmen der Wiener Gesellschaft laut werden, den tief sitzenden Antisemitismus, der Mahlers Jahre als Direktor der Hofoper vergiftete. In Mahlers Kopf hallen die hasserfüllten Fragen von damals nach: Was solle man davon halten, dass ein „Jud“ es wage, Beethovens Neunte zu retuschieren? Dass er das größte deutsche Musikwerk „überpinselt“, wie es ihm passt, und mit einer „Schweinerei“ wie der Salome die Bühne entweiht?
Der Umzug nach New York erscheint in diesem Rückblick fast wie eine Flucht. Es mischen sich flüchtige Eindrücke: die quälenden Sitzungen im Atelier von Auguste Rodin, der Empfang im Savoy, der Blick aus dem neunten Stock auf den Central Park. Ein seltsames Symbol der Beständigkeit bleibt dabei sein altes, wurmstichiges Dirigentenpult, das er extra aus dem Keller der Wiener Hofoper nach Amerika verschiffen ließ – ein Stück Heimat, an dem er sich im wahrsten Sinne des Wortes festhielt.
Auf seiner Kiste auf dem Sonnendeck überkommt Mahler eine bösartige Resignation über die Nichtigkeit des Daseins. Das Leben erscheint ihm nur noch wie ein kurzer Hauch im Weltensturm – und doch liebt er es so sehr, dass die Traurigkeit über diese verlorene Liebe ihm fast das Herz bricht.
Robert Seethaler erzählt diese letzte Reise in kurzen, ruhigen Abschnitten. Der letzte Satz ist als innerer Monolog angelegt; die Erinnerungen kommen und gehen wie der Wellengang des Atlantiks. Seethaler gelingt es, Mahler jenseits des Geniekults als einen zutiefst verletzlichen Menschen zu zeigen, gefangen zwischen künstlerischem Absolutheitsanspruch und der Gewissheit des nahenden Todes.
Die Musik selbst bleibt dabei dezent im Hintergrund, fast so, als gäbe es für ihre Größe keine Worte mehr. „Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht“, erklärt Mahler dem Schiffsjungen. Das Buch ist keine klassische Biografie, sondern eine stille Meditation über den Verlust und die Frage, was am Ende eines Lebens wirklich bleibt.
Die Hörbuchfassung unterstreicht diese Stimmung perfekt. Matthias Brandt liest den Text mit einer zurückgenommenen Empathie. Er gibt der Melancholie den nötigen Raum, ohne sie künstlich zu betonen, und bewahrt so die tiefe Würde, die diesem schmalen, aber gewichtigen Roman innewohnt.
Der Autor
Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie im Wiener Bezirk Favoriten auf, besuchte die Schauspielschule und war in Kino- und Fernsehproduktionen zu sehen, unter anderem in Paolo Sorrentinos Film Ewige Jugend (2015) an der Seite von Rachel Weisz. Sein literarisches Debüt Die Biene und der Kurt erschien 2006. Mit Der Trafikant (2012) und Ein ganzes Leben (2014) wurde Seethaler einem breiten internationalen Publikum bekannt. Ein ganzes Leben stand 2016 auf der Shortlist des International Booker Prize. Seine Bücher wurden in über 40 Sprachen übersetzt. Seethaler lebt in Wien und Berlin.
Der Sprecher
Matthias Brandt, geboren 1961 in Berlin, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Er studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Hannover und gehörte ab Mitte der 1980er Jahre den Ensembles vieler renommierter Theater an, darunter dem Schauspielhaus Zürich, dem Schauspielhaus Bochum und dem Berliner Ensemble. Seit den 2000er Jahren arbeitet er hauptsächlich für Film und Fernsehen. Für seine Leistungen wurde Brandt vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Adolf-Grimme-Preis, der Goldenen Kamera, dem Bambi und dem Bayerischen Fernsehpreis. Als Hörbuchsprecher erhielt er zweimal den Deutschen Hörbuchpreis. 2016 erschien sein autobiographischer Erzählband Raumpatrouille, 2019 sein Romandebüt Blackbird. Matthias Brandt lebt in Berlin.

Der letzte Satz
von Robert Seethaler. Roman.
119 Seiten. Kleine Reihe. Hanser Verlag, München. 2024

Hörbuch
Der letzte Satz. Von Robert Seethaler
Gelesen von Matthias Brandt.
2 Stunden, 46 Minuten. tacheles! Roof Music, Bochum 2020
Titelillustration mit KI erstellt.
Buchumschlag: Hanser Verlag, Hörbuchabbildung: tacheles Verlag
Siehe auch: Dissonanzen in Toblach – Almas Sommer