Jane Austen in einer modernen Bibliothek. Man fragt sich unwillkürlich, ob sie sich dort wohlgefühlt hätte. Am 16. Dezember 2025 jährt sich ihr Geburtstag zum 250. Mal. Die 1775 in Steventon, Hampshire, geborene Pfarrerstochter zählt zu den bedeutendsten Autorinnen der englischen Literatur. Ihr Roman Emma erschien im Dezember 1815 und war das letzte Werk, das zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde.
Im Mittelpunkt steht die 21-jährige Emma Woodhouse: schön, klug, wohlhabend und überzeugt von ihrer Menschenkenntnis. Sie lebt mit ihrem verwitweten, gesundheitlich überängstlichen Vater auf dem Landsitz Hartfield bei Highbury. Nach der Hochzeit ihrer Gouvernante und Freundin Miss Taylor sieht sich Emma in ihrer vermeintlichen Begabung als Ehestifterin bestätigt.
Diese Selbstgewissheit führt zu folgenreichen Irrtümern. Emma nimmt sich der 17-jährigen Harriet Smith an, eines gutmütigen, aber naiven Mädchens unklarer Herkunft, das sie gesellschaftlich „verbessern“ möchte. Sie verhindert Harriets Heirat mit dem bodenständigen Farmer Robert Martin, den ihr Nachbar und Freund Mr. Knightley sehr schätzt, und plant stattdessen eine Verbindung mit dem jungen Vikar Mr. Elton. Alle Zeichen deutet Emma als Belege für diesen Plan – bis Mr. Elton ihr selbst, nach einer Weihnachtsfeier, einen Heiratsantrag macht. Emma weist ihn entschieden zurück: Heirat kommt für sie nicht infrage, schon gar nicht mit ihm.
Die Folgen sind unerquicklich. Mr. Elton reist überstürzt nach Bath ab, Harriet ist verletzt und verunsichert, und Emma beginnt – nicht zuletzt durch Gespräche mit Mr. Knightley – ihre eigenen Fehleinschätzungen zu erkennen. Mr. Knightley ist der einzige, der Emma offen widerspricht und ihr nicht schmeichelt. Er kennt sie seit ihrer Jugend, durchschaut ihre Schwächen – und liebt sie trotz, vielleicht gerade wegen ihrer Unvollkommenheit. Sein spätes Liebesgeständnis gehört zu den stillsten und zugleich überzeugendsten Momenten der Literatur: unaufgeregt, logisch, vollkommen unsentimental.
Jane Austen selbst kündigte an, mit Emma eine Heldin zu schaffen, die außer ihr kaum jemand mögen werde. Diese Einschätzung bestätigt sich oft auch heute noch. Emma Woodhouse ist eigensinnig, überheblich und bevormundend. Gerade ihre Irrtümer, ihre Lernprozesse und ihre Bereitschaft zur Selbsterkenntnis machen sie jedoch zu einer bemerkenswerten und letztlich sympathischen Figur.
Emma entfaltet seine Handlung über etwa ein Jahr hinweg, in ruhigem Tempo und ohne dramatische Zuspitzungen. Diese Langsamkeit ist kein Mangel, sondern Teil von Austens literarischer Präzision. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt mit einer klugen, ironischen und menschlich genauen Gesellschaftsstudie.
Für alle, die Jane Austen noch nicht kennen, ist Emma ein guter Einstieg, auch wenn die ersten Kapitel Geduld erfordern. Wer den Roman bereits gelesen hat, entdeckt bei einer erneuten Lektüre oft neue Nuancen, feine Verschiebungen im Ton und in den Beziehungen.
Sehr zu empfehlen ist auch die deutsche Hörbuchfassung, gelesen von Eva Mattes. Sie verleiht dem Text eine warm-ironische Färbung; besonders Mr. Woodhouses besorgte Einwürfe und Miss Bates’ ausufernde Monologe gewinnen durch ihren Vortrag an Lebendigkeit. Man kann sich gut vorstellen, dass Jane Austen selbst darüber geschmunzelt hätte.
Ein Rezensent merkte an, dass es in diesem Roman keinen einzigen Dialog zwischen zwei Männern gebe. Ob das zutrifft, bleibt offen. Es ist jedoch eine Beobachtung, die zeigt, wie lohnend eine erneute Lektüre sein kann. Gute Bücher, so heißt es, geben bei jedem Wiederlesen etwas Neues preis. Emma gehört zweifellos dazu.

Emma
von Jane Austen. Roman.
Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe
mit Nachwort und Anmerkungen von Christian Grawe
600 Seiten. Reclam Verlag, Ditzingen.
Taschenbuchausgabe 2022.

Hörbuch
Emma von Jane Austen.
Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe.
Gelesen von Eva Mattes.
17 Stunden. Argon Verlag, 2021.
Illustration erstellt mit KI
Umschlagabbildung Reclam Verlag, Hörbuchabbildung argon Verlag.