„Sprich, alte Haube, wo fehlt’s?“, so wendet sich Walt Whitman in seinem Gedicht „Gesang von mir selbst“ an die Erdoberfläche. Die Landschaft als alte Haube? Das klingt zunächst seltsam, ist aber klüger als gedacht: Eine Haube bedeckt, verbirgt und schützt – und lässt ahnen, dass darunter etwas liegt, das wir nicht sehen.
Die Ausstellung in der Mainzer Kunsthalle nimmt Whitmans Frage als Ausgangspunkt. Sieben zeitgenössische Positionen untersuchen, was an der heutigen Landschaft noch ablesbar ist und was verloren ging. Landschaft, das zeigen die versammelten Arbeiten, ist nie nur Natur. Sie trägt Spuren von Macht und Besitz, von kolonialer Geschichte, von menschlichen Eingriffen und Experimenten.
Die Zugänge sind so unterschiedlich wie die Künstlerinnen und Künstler selbst. Anca Benera und Arnold Estefán kartieren in „Debrisphere“ die unsichtbaren Narben militärischer Landnutzung, filigrane Zeichnungen und Modelle aus Korallensand und Vulkanasche, die zeigen, wie Krieg sich in Böden und Topografien einschreibt. Binta Diaw lässt in ihrer Installation „Reeni Yakar – les racines de l’espoir“ Wurzeln aus geflochtenem Kunsthaar und Eisendrähten aus der Erde wachsen: ein Bild für Verwurzelung, Entwurzelung und koloniale Verflechtungen. Sarah Burger sammelt in „All the Landscapes I’ve ever seen“ Erinnerungsbilder von Landschaften – subjektive Kartografien dessen, was bleibt. Reto Pulfer wiederum lädt mit begehbaren Stoffarchitekturen ein, selbst Teil einer Landschaft zu werden.
Am stärksten hat mich Julian Rosefeldts viergeteilte Filminstallation „Requiem“ aus dem Jahr 2007 getroffen. Zwölf Minuten lang folgen wir einer Kamerafahrt durch den brasilianischen Regenwald: sattes Grün, undurchdringliches Dickicht, Vogelgezwitscher und Insektenzirpen. Dann die ersten Axtschläge auf Holz. Das Splittern der Stämme. Schließlich sehen und hören wir, wie ein Baum nach dem anderen krachend zu Boden stürzt. Was als Eintauchen in ein intaktes Ökosystem beginnt, wird zur Dokumentation seiner Zerstörung. Ein Requiem, gesungen für eine Landschaft, die vor unseren Augen verschwindet – Bild für Bild. Am Ende verlieren wir uns in der Dunkelheit. Der Wald ist verstummt.
Allen Arbeiten der Ausstellung ist gemeinsam, dass sie Landschaft nicht als Kulisse, sondern als Akteurin begreifen – als etwas, das zurückblickt, das Geschichten speichert, das sich verändert und verändert wird. Wer genau hinsieht, erkennt unter der alten Haube mehr, als auf den ersten Blick sichtbar war.

Sprich, alte Haube, wo fehlt’s?
Kunsthalle Mainz, letzter Tag 12. Januar 2026
Die Kunsthalle Mainz ist ein Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst. Untergebracht ist sie im ehemaligen Kessel- und Maschinenhaus des Mainzer Zollhafens, das 1887 nach Plänen von Eduard Kreyßig errichtet wurde. Im Jahr 2006 erfolgte der Umbau des Gebäudes durch die Mainzer Stadtwerke.
Adresse: Am Zollhafen 3–5, 55118 Mainz.
Plakat zur Ausstellung. Kunsthalle Mainz.