Kennen Sie das Karen-Meme? Es zeigt eine ältere Frau mit Kurzhaarfrisur, die sich über alles beschwert und grundsätzlich im Recht ist. Das Internet hat sie erfunden, die Gesellschaft hat sie übernommen. Alte Jungfer. Böse Hexe. Verbitterte Alte. Wer als Frau älter wird, sammelt Etiketten und verliert an Sichtbarkeit.
Verena Lueken, langjährige Feuilleton-Redakteurin der FAZ, wollte wissen, was hinter diesen Klischees steckt. Also ist sie einfach hingefahren. Nach Berlin, nach Rom, nach New York. Hat geklingelt, sich gesetzt und zugehört. Herausgekommen ist Alte Frauen, elf Porträts von eigenwilligen Frauen jenseits der Achtzig, die eines gemeinsam haben: Das Alter steht nicht im Mittelpunkt ihres Denkens.
„Der Bezugspunkt ihres Lebens ist nicht das Alter“, schreibt Lueken im Vorwort. Was sie stattdessen antrifft, sind kämpferische Intellektuelle, diskrete Feministinnen, Entdeckerinnen und Liebende. Frauen, die arbeiten, zweifeln, experimentieren, ja und auch über Sex reden, wenn das Gespräch darauf kommt.
Die britische Schriftstellerin Jane Campbell lebt in einem ehemaligen Pub in Oxford. Mit ihren Kurzgeschichten zeigt sie, was im Alter angeblich nicht mehr vorkommt: Begehren, Zärtlichkeit, Manipulation und Fürsorge. Alles da, alles lebendig. Katharine Sehnert, einst Assistentin von Pina Bausch, performt mit Mitte achtzig in einer orangefarbenen Trainingsjacke und roten Ballerinas an Laternenmasten vor überraschten Passanten. Die Choreografin lässt die Stadt zur Bühne werden und sich selbst zur Hauptfigur.
Besonders berührt hat mich die Geschichte von Carmen Herrera. Die kubanische Malerin verkaufte ihr erstes Bild im Alter von 89 Jahren und eröffnete später als erste Kubanerin eine Ausstellung im Whitney Museum in New York. Sie wurde Jahrzehnte lang ignoriert und hat trotzdem weitergemalt. Auf Luekens Frage, wie sie das habe aushalten können, antwortete Herrera, es habe ihr auch Freiheiten gegeben. Das ist kein Trost. Das ist Haltung.
Lueken stellt die eigentliche Frage nie laut, aber sie steckt in jedem Porträt: Warum werden Männer mit dem Alter interessanter, während Frauen unsichtbarer werden? „Männer werden weise. Frauen werden alt.“ Dieser eine Satz sitzt.
In der Kunstwelt hat sich das in den letzten Jahren jedoch geändert. Je älter eine Künstlerin ist und je länger sie übersehen wurde, desto lauter ist der Jubel, wenn sie endlich „entdeckt” wird. Das ist einerseits schön, andererseits aber auch absurd. Denn die Frauen in diesem Buch haben nicht gewartet. Sie haben gemacht.
„Alte Frauen” ist kein Trostbuch, kein Anti-Aging-Ratgeber und keine Feier des Alterns um jeden Preis. Lueken schreibt ohne Weichzeichner, auch dort nicht, wo Vivian Gornick erzählt, dass die langen Manhattan-Spaziergänge nach einem Sturz nicht mehr möglich sind und die Energie nachlässt. Das gehört dazu. Und das macht die Porträts glaubwürdig.
Was bleibt? Die Neugier dieser Frauen. Ihr Eigensinn. Und die Tatsache, dass fast alle auf die Frage, wann sie angefangen haben, über das Alter nachzudenken, dieselbe Antwort gaben: mit achtzig.
Bis dahin ist noch einiges zu tun. Unbedingt lesen!

Alte Frauen
von Verena Lueken
312 Seiten. Ullstein Verlag, Berlin. 2025
Beitragsbild: Alte Frau beugt sich über ein Buch. Foto: Natalia Overa (pexels.com)