Sichtbar. Lebendig. Unbeugbar. Drei Buchtipps zum Internationalen Frauentag

Am 8. März stehen Frauen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Alle Frauen? Nein, eine Gruppe bleibt hartnäckig unsichtbar: alte Frauen. Je älter sie werden, desto mehr verschwinden sie aus der Öffentlichkeit, aus Talkshows und aus dem kollektiven Blickfeld. Verena Lueken bringt es auf den Punkt: „Männer werden weise, Frauen werden alt.“ Sie ziehen sich zurück, wo sie nicht mehr erwünscht scheinen. Oft legt niemand Einspruch gegen dieses Verschwinden ein.

Mit diesen drei Büchern möchte ich heute den Fokus genau auf sie lenken: auf Frauen in ihrer ganzen Vitalität, Neugier und Unbeugsamkeit.

Buchumschlag: Alte Frauen. Ullstein Verlag

Verena Lueken: Alte Frauen (Ullstein Verlag, Berlin 2025)
Die langjährige Kulturjournalistin der FAZ porträtiert in diesem Werk Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, die im hohen Alter erst richtig sichtbar werden oder es endlich sein dürfen. Es ist kein Buch über das Defizit des Alterns, sondern eine Hommage an Freiheit, Leidenschaft und Eigensinn. Lueken stellt uns Frauen vor, die sich weigern, leise zu werden. Darunter findet sich auch die Autorin Jane Campbell, die erst mit achtzig ihr literarisches Debüt gab. Ein absolut lesenswertes Werk, das völlig zu Recht für den Bayerischen Buchpreis 2025 nominiert wurde.

Jane Campbell, Kleine Kratzer. Kjona Verlag.

Jane Campbell: Kleine Kratzer (Kjona Verlag, München 2023)
In diesem Erzählband wird nichts verklärt. Jane Campbells Protagonistinnen sind allesamt jenseits der siebzig. Sie lieben, begehren, zweifeln und wehren sich mit trockenem Humor gegen gesellschaftliche Rollenbilder. Dass die Autorin selbst jahrzehntelang als Psychoanalytikerin arbeitete, ist in jeder Zeile spürbar. Ihre Figuren sind von psychologischer Präzision gezeichnet: widersprüchlich, eigensinnig und bis zuletzt hellwach. Campbell liefert den literarischen Beweis, dass weibliche Kraft kein Verfallsdatum kennt.

Flusslinien von Katharina Hagena, Verlag Kiepenheuer & Witsch

Katharina Hagena: Flusslinien (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025)
Margrit Raven ist 102 Jahre alt. Während sie in einer Seniorenresidenz auf den Tod wartet, flüchtet sie gedanklich und körperlich jeden Tag in den Römischen Garten an der Elbe. Gemeinsam mit ihrer 18-jährigen Enkelin Luzie entsteht ein faszinierendes Projekt: Luzie tätowiert ihrer Großmutter den geliebten Garten Stich für Stich auf den Körper. Hagena erzählt mit sprachlicher Kraft und leisem Humor von der Annäherung zweier Generationen sowie dem Prozess des Loslassens. Ein Roman, der im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht.