Bereits zum dritten Mal in Folge verbringen Alma und Gustav Mahler die Sommerferien im kleinen Ort Toblach in den Südtiroler Dolomiten. Er liebt die Berge, sie hingegen nicht. Jeden Morgen noch vor dem Frühstück spaziert er bergauf und bergab zu den benachbarten Dörfern oder zum Toblacher See. Während er die Berge, das Vogelgezwitscher und die frische Bergluft liebt, empfindet Alma den Aufenthalt in Toblach als Zumutung. Weder der Landschaft, noch den Menschen hier kann sie etwas abgewinnen. Viel lieber wäre sie zurück in ihrer Wiener Gesellschaft oder wenigstens in New York. Selbst kurze Wanderungen mit Gustav sind ihr ein Graus. Doch hin und wieder kommt sie nicht umhin, ihn ins Dorfgasthaus zu begleiten.
„Er hatte sie gebeten, doch die Wanderschuhe anzuziehen. Sie hatte nur verächtlich auf die seinen geschaut. Diese klobigen, braunen Ungeheuer. Nein, nein, er mochte allenthalten in seine böhmische Bäuerlichkeit zurückverfallen. Sie war Wienerin. Wiener Blut trug Stöckelschuhe, wenn es zum Abendessen ins beste Haus am Platz ging. Auch wenn das beste Haus nur der Goldene Hirsch, ein ranziges Bauernwirtshaus, war.“
Gustav Mahler hat sich für diesen Sommer viel vorgenommen: In seinem Komponierhäuschen abseits der Familienunterkunft will er weiter am „Lied von der Erde“ und an seiner „Neunten“ arbeiten. Dafür braucht er Stille, absolute Stille,. Und sein Klavier mit dem Bücherstapel obendrauf, reichlich Früchtetee, Lavendelduft und unabdingbar die leicht muffige Luft seines Arbeitszimmers. Während Mahler mit Komponieren beschäftigt ist, langweilt sich Alma. Sie wartet sehnsüchtig auf einen Brief von Walther Gropius, mit dem sie seit ihrem Kuraufenthalt im steirischen Tobelbad eine Affäre hat. Als Gustav Mahler seine Post durchsieht, zieht er einen an sich, Herrn Gustav Mahler, gerichteten Brief heraus und erstarrt. Es ist ein Liebesbrief von Walther Gropius an Alma. Mahler stellt seine Frau zur Rede. Als Gropius kurz darauf in Toblach auftaucht, gerät Mahler in Bedrängnis und Alma muss sich entscheiden.
Mit der lebenshungrigen Alma und dem in sich gekehrte, getriebenen Gustav, prallen zwei Welten aufeinander. Doch Koppelstädter lässt beide Charaktere zu ihrem Recht kommen. Dabei zeichnet er Alma ohne Schönfärberei: Ihre Selbstbezogenheit und wechselhaften Stimmungen machen sie zu einer schwierigen Figur. Gustav dagegen sucht bei aller Kompromisslosigkeit vor allem die innere Ruhe, die sein Schaffen braucht. Geschickt verwebt Koppelstätter historische Fakten mit fiktiven Momenten und erschafft so ein eindringliches Porträt einer Ehe am Scheideweg: künstlerisches Streben gegen persönliche Freiheit, Liebe gegen Selbstverwirklichung. Wer biografisches Erzählen schätzt, wird diese Geschichte lieben.
Der Autor
Lenz Koppelstätter lebt in der Nähe von Bozen. Bekannt wurde er durch seine Krimireihe um den Südtiroler Polizeikommissar Johann Grauner. Für Almas Sommer erhielt er ein Recherchestipendium des Landes Südtirol, das es ihm ermöglichte, an den Wirkungsstätten der Mahlers im Pustertal, in Wien und New York zu schreiben.

Almas Sommer
von Lenz Koppelstätter. Roman.
206 Seiten. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2022
Titelfoto: Gustav und Alma Mahler beim Spaziergang bei Toblach. Unbekannter Fotograf. ÖNB Bildarchiv Austria. Umschlag: Rowohlt Verlag
Siehe auch: Der letzte Satz – Gustav Mahlers letzte Reise